Theater

Links zum Wochenende

The Musical Edit

Lesen – Hören – Ansehen

Ich wünschte, ich könnte schreiben “So langsam nimmt die Theaterwelt in Deutschland wieder Fahrt auf”, aber ehrlich gesagt sind die allermeisten Theater noch in den Ferien, sogar ‘meine beiden’ (die, zu denen das Ensemble gehört, für das ich arbeite) urlauben offiziell noch, nur wir haben schon die erste Woche der neuen Spielzeit hinter uns gebracht.

Wie dem auch sei…in dieser Woche habe ich tatsächlich einmal ein ganz normales Wochenende wie Menschen mit ‘normalen’ Jobs – nämlich Samstag und Sonntag frei. Und was läge da näher als einmal ein paar Dinge zusammenzuschreiben, die ich – theatral und untheatral – in den nächsten zwei Tagen on the internet so vor habe?

Zuerst muss ich glaub ich mal meine feminist vibes aufladen. Ich bin ein großer Fan der Arbeit von Victoria und Danielle (und ihren Kolleginnen) auf www.theintervalny.com, dem wie sie es selbst nennen “Smart girl’s guide to theatricality”. Dort findet man immer irgendein Interview mit mindestens einer spannenden Bühnenpersönlichkeit, die einen gerade extrem interessiert – zudem stellen sie häufig mit einer ganz besonderen Zielgenauigkeit Fragen nach Geschlechtergleichheit (gender parity) im Theater, den so genannten Glass Curtains und Vorbildern. Auf meiner Leseliste steht derzeit zum Beispiel das mit Jenn Collela ganz oben, die mich immer noch regelmäßig mit “Me and the Sky” auf der Broadway-Aufnahme von Come From Away zum Weinen bringt.

Neulich fragte mich zudem ein Freund, ob ich 36 Questions kennen würde, das Podcast-Musical. Ich kannte es nicht, ich habe es aber gleich einmal abonniert und nun warten die Episoden auf meinem Telefon geduldig darauf, angehört zu werden. Da das Wetter auch hier in Wiesbaden (das man angeblich auch das “Nizza des Nordens” nennt, Kurstadt, heiße Quellen und so…) eher herbstlich und verregnet ist, gibt es doch kaum eine bessere Vorstellung als Podcasts anhören und stricken oder putzen. Aber eigentlich eher stricken. 🙂

Letzten Sonntag habe ich durch Zufall einen (ein? eine?) Bootleg von Natasha, Pierre & the Great Comet on 1812 auf Youtube gefunden. Ich habe NATÜRLICH draufgeklickt, mir dann aber gedacht, dass ich – sollte ich in den Genuss dieser Show live kommen – die Magie dann eben tatsächlich dort zum ersten Mal erleben will, um mich dort eben in diesem Moment ent- und verführen zu lassen. Allerdings wurde ja im Laufe der Woche die Schließung der Show im September angekündigt und da meine nächste New York Reise (hoffenlich) “erst” im März 2018 statt finden wird, werde ich es verpassen müssen, leider. Also stellt sich mir jetzt nur noch die Frage: erst den/die/das Bootleg angucken und dnan hartcore Krieg und Frieden lesen oder andersrum?

Was habt ihr vor am Wochenende? Musikhören? Lesen? Vielleicht geht ihr ins Theater und gucke eine der vielen Open-Air-Vorstellungen an, die gerade noch überall laufen?

 

 

Warum nicht leben?!

(sorry, no English version today, because I’ll like a newspaper article from a German newspaper)

Das ist der Titel eines kleinen Films, den eine Freundin von mir gemacht hat und den ich neulich endlich einmal angesehen habe. Und eigentlich ist der das genaue Gegenteil dieses Posts hier, der mit Sterben zu tun hat.

Eigentlich ist ein Parameter des (beruflichen) Erwachsenwerdens, dass Menschen sterben, die man gekannt hat. Deren Inszenierungen man gesehen hat, die man auf Bühnen erlebt hat und mit denen man vielleicht zusammengearbeitet hat. Und auch in der Familie heißt Erwachsenwerden, dass man so alt ist, dass andere Menschen noch älter sind, dass sie sterben. Und das ist traurig.

Am Montag gab das GRIPS Theater, in dem ich damals mit 18 Jahren meine erste Dramaturgiehospitanz anfing, ein Jahr später folgte eine zweite, dann eine Assistenz und dann eine Regieassistenz, bekannt, dass Franziska Steiof, eine für das Haus sehr wichtige Regisseurin und Theatermacherin vor inzwischen knapp einer Woche aus dem Leben gegangen sei. Ich hatte leider nie das Glück, mit ihr zusammenzuarbeiten, zweimal aber parallel mit ihr am Haus zu sein und ich habe inzwischen einige ihrer Arbeiten gesehen. Die, die mich im Nachhinein am meisten beeindruckt hat, war Rosa – eine Art Biographie-Musical über Rosa Luxemburg, das mich so geprägt hat, dass ich inzwischen die Gesamtausgabe von Rosas Briefen besitze und ein von ihr geprägtes Theaterstück schrieb vor zwei Jahren (lasst uns darüber lieber nicht mehr reden). Ebenso ist es aber auch mit So Lonely, in dem sie dieser ersten Liebe (vor allem des Jungen) eine so beeindruckende Materialität gibt, dass es auf der leeren Bühne des Saals im Podewil gleichzeitig unendlich erdrückend und erhebend ist.

Das letzte Mal, dass ich über sie etwas gehört habe, fand Anfang Dezember am Telefon statt. Eine Kollegin, die ich eine Woche später in Kiel treffen sollte, rief mich an und sagte, dass Franziska, die uns einen Workshop zu analytischer Fragetechnik geben sollte, aus privaten Gründen abgesagt habe. Ich kann mich erinnern, dass ich mich allein über die Erwähnung des Namens in meiner 22jährigen Naivität sehr gefreut habe (“Haha! Den Namen kenn’ ich!”) und als ich dann die Gründe für die Absage erfahren habe, war ich natürlich betroffen.

Nun ist also auch Franziska von uns gegangen.

Lasst uns hoffen, dass es wieder solche Regisseurinnen geben wird, die auf eine Art politisch sind, ohne Hammer und ohne Hau-drauf-Mentalität.

In deren Inszenierungen es auf eine angenehme Art um Menschen geht, um ihre Probleme und ihre Politizität.

Und weil andere Menschen sehr viel besser sind im Nachruf-Schreiben als ich, verlinke ich euch den Nachruf von Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung hier.

Kann es denn so schwer sein? / Is it too hard?

(english article down below)

Ich gehöre zu den digital natives, von denen man so spricht, und ich liebe meinen Twitter-Account (obwohl der Twitter-Account, den ich für einen meiner Arbeitgeber pflege, mehr Pflege gebrauchten könnte…).

Die Kritik-Plattform livekritik.de hat zum Thema digital natives und Theater eine Blog-Parade gestartet, bei der es um Meinungen zum Live-Twittern von Theatervorstellungen geht. Für mich sowohl als Theater- als auch als Online-Mensch interessant und vielleicht sind meine Gedanken auch interessant für andere.

Zuerst lässt sich feststellen: Seit ich ein iPad besitze (August 2012) und seit ich endlich auf ein Smartphone umgestellt habe (Januar 2013) hat sich mein Twitter-Verhalten ziemlich verändert. Es ist praktisch und angenehm von überall twittern zu können – und von überall Tweets lesen zu können. Zumal es schon eine Art Twitter-Poetik gibt, irgendwie.

Letztes Jahr las ich zum ersten Mal über spezielle Twitter-Events oder Tweet-Seats in Broadway-Shows und zugegebenermaßen war ich etwas neidisch: Ich mag Theater und ich rede gern drüber. Über das zu reden (= zu twittern) was man sieht in der Sekunde, in der man es sieht, ist eine Art Paradieszustand – da sprechen aber nur selten eine Option ist, muss es ein Traum bleiben und man muss sich an sein Gedanken bis zur Pause erinnern (um dann darüber zu reden, wie das Hemd des Tenor halb offen ist oder Sophie Rois es irgendwie schafft, einen Mann zu spielen, ohne keine Frau zu spielen – was auch für einen Tweet zu komplex wäre). Twitter würde hierbei eine sofortige Befriedigung schaffen.

Aber: Ich habe 76 Follower auf Twitter – und wie viele von denen würden wohl meine Freak-Tweets zu Theateraufführungen interessieren?

Aber Nr. 2: Letzte Woche begleitete ich eine befreundete Journalistin zur Premiere von Frank Castorfs Adaption von Tschechovs „Das Duell“. Wir saßen mit (anscheinend) einigen anderen Journalisten mittig in Reihe 9. Vor mir, in der 8. Reihe, saß eine Frau, die während des Abends mehrmals ihr Telefon rausholte und auf das Display starrte (und es war kein gedimmtes iPhone-Display, sondern eher als würde man in die Sonne gucken), und jedes Mal wurden die Menschen um sie herum geblendet. Okay, vielleicht war das ein Arbeitstermin für sie (sie hat nicht getwittert, das hätte ich erkannt) und ich weiche bei Arbeitsterminen auch auf mein Telefon aus, aber….nein. Ich meine: Respekt. Dort auf der Bühne stehen Menschen, die sich den Arsch abspielen (Entschuldigung, aber für so einen Castorf-Abend ist das irgendwie die richtige Wortwahl). Es ist Live-Theater und es ist dunkel im Zuschauerraum! Dunkelheit heißt: Andere Menschen sehen das Licht des Telefon-Displays.

Aus theaterwissenschaftlicher Sicht ist es auf der einen Seite sicherlich spannend (Aufmerksamkeitsstrukturen. Theater und digitale Medien. Intermedialität. Einen Theaterabend durch ein Medium, das anders ist als Fernsehen, erleben. Archivierung….), aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Was verpasst man während des Twitterns? Manchmal passieren die Dinge auf der Bühne in einer Geschwindigkeit, dass man selbst bei voller Konzentration etwas verpassen muss. Und dann noch mehr verpassen für’s Twittern? Nein. Ich möchte sehen, was ich sehe – und das beste sieht man meistens nur, wenn man richtig hinguckt und aufmerksam ist. Aufmerksam-aufmerksam.

Einige der Blogger äußern sich positiv über (hypothetische) Twitter-Proben ähnlich der Proben, zu der Pressevertreter vorab eingeladen werden, oder Fotoproben (die, soweit ich informiert bin, für Berliner Theater Pflicht sind). Diese Proben könnten dem Theater noch eine andere Öffentlichkeit geben – neben den langen Vorberichten und Kritiken: kurze, vielleicht sogar minutiöse Dokumentationen, Kommentare und Gedanken zu dem Gesehenen. Es wäre eine andere Situation, vor allem, wenn diese Proben eventuell nur bei Arbeitslicht – oder sogar auf der Probebühne statt finden würden; die Hemmschwelle, das Telefon zu zücken um zu twittern, wäre wohl um einiges geringer.

Ansonsten muss man seinen Theaterbesuch eben davor, in der Pause und danach in seinem Twitter-Feed abdecken. Und wir sollten uns doch unsere Gedanken bis zur Pause oder bis zum Ende der Vorstellung behalten könne, oder? Das sollten wir. (wobei der Modus des Twitterns dann auch ein ganz anderer ist.)

So schwer kann das doch nicht sein.

übrigens gibt es im Mai in Berlin zu diesem Themengebiet eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung und weiter unten gibt es noch Kostproben meiner Theatertweets.

********

I am a digital native. And I love my Twitter-account. (although the account I take care of the small private theatre company I work for could use some more care….)

The German critic website livekritik.de started a blog parade asking for opionions about tweeting during performances. And I guess for me being both a theatre- and an online-person it will be nice to blog my thoughts.

First of all I have to state: Since I’ve bought myself an iPad (August 2012) and even more since I’ve finally upgraded to a smartphone (January 2013) my use of twitter has changed dramatically. It’s nice and handy to be able to tweet from where ever I am. And most of the time I really enjoy the ‚poetics’ of tweets.

Last year when I first heard about special theatre tweeting events on Broadway I was a little jealous – I enjoy theatre and I enjoy talking about it. ‚Talking’ (=tweeting) about it in the second you see it is something you often want to do but since talking about it (e.g. with the one sitting next to you) is often not an option – it stays a nice imagination and you have to remember your thought until intermission (and then you can gossip about the tenor’s half open shirt – because it’s so tenor-like! Or the great job Sophie Rois does playing men and women kind of at the same time!). Tweeting would offer instant satisfaction.

On the other hand: My twitter account has 76 followers – who cares about that freak stuff I’d tweet if I could during performances?

But: last week when I saw the opening of Frank Castorf’s adaption of Chekhov’s „The duel“ and watched from row 9 there was a lady in front of me constantly checking her phone – and it was not an iPhone-screen turned as dark as possible. Everytime she got it out of her purse she just blended everyone behind her. Okay – since I was accompaning a journalist and we were sitting with a bunch of other journalists it was a work appointment for most of them and yes – I sometimes check my phone during work related appointments as well – but….no. I mean: Respect, people. There are people on stage playing their asses off (I’m sorry). It’s live theatre and it’s dark! Darkness means: You actually can see the brightness of phone-displays.

As a theatre studies major and someone who worked a lot in and with theatre and additionally can say: What will you do about all this stuff you’re missing while tweeting? In some productions things happend at a speed it’s not even funny, you gonna miss something anyway – but missing even more just for tweeting? No. I want to see what I see. And sometimes you get the best stuff only when watching closely and paying attention. Like attention-attention.

Most of the bloggers participating in that blog-parade think positively about a (hypothetical) tweeting-rehearsal or twitter-call similar to press-calls or photo-calls (which are – as far as I know – mendatory for theatres in Berlin). Those calls could easily give some more publicity to those productions. And it’s a different setting – especially if they would take place on the rehearsal stages with working light you wouldn’t be stopped taking out your phone out and tweeting.

Otherwise you have to cover your theatre visits before, during intermission and after the performance.

We should be able to remember our thought till then, right? We should. That couldn’t be too hard, could it?

Image

Meine Tweets zur Aufführung von “Das Geheimnis des Edwin Drood” am Theater Münster./My tweet regarding a performance of “The mystery of Edwin Drood” in Münster, Germany.

Image

Tweets zur Eröffnung einer Video-Installation im Jüdischen Museum, Berlin. / Tweets regarding the opening of a video installation at the Jewish Museum in Berlin.

Image

Tweets zur Aufführung von Mazeppa in der Komischen Oper Berlin. / Tweets regarding a performance of Mazeppa at Komische Oper Berlin.