Musik

Kaffeelektüre am Feiertag

Heute ist der 3. Oktober, Feiertag, und ich habe frei.

Ich habe frei!

Wäre ich letzte Woche nicht zwei Tage im Bett mit Fieber gewesen, wäre heute mein erster freier Tag seit dem 24.9. – und: wie frei ist ein Kranktag, an dem man nur im Bett zwischen schlafen und Fieberdilirium wechselt?

Egal. Ich bin gerade in bisschen besessen von einigen Dingen und wollte einmal kurz mit euch “darüber reden”.

Wer in regelmäßigen Abständen meine Ausgaben vom #MusicMonday verfolgt, findet schnell heraus: Ich höre gerne englisch sprachige CD-Aufnahmen.

Das ist allerdings keine bewusste Entscheidung, sondern ein Reflex von Angebot und Nachfrage; es gibt einfach deutlich mehr Neuerscheinungen auf, also gibt es mehr zu hören, kennen zu lernen und man verbringt halt quasi zwangsläufig mehr Zeit mit englischsprachiger Musik.

Dennoch sind in den letzten Monaten drei deutschsprachige CDs – allesamt Live-Aufnahmen – erschienen, die mich gerade durch mein Leben begleiten und immer wieder beeindrucken.

1. Ghost (Linz, 2017)

IMG_7678Obwohl die Aufnahme schon eine Weile auf dem Markt ist, habe ich sie erst Mitte September für mich entdeckt – zumal es ja jetzt mit großen Schritten auf die Berliner Produktion zugeht. Und tatsächlich finde ich, dass es eine sehr schöne Aufnahme ist. Abgesehen davon, dass ich es für eine sehr passende, gut singbare (und ‘sitzende’) Übersetzung ist, legt sich die Linzer Besetzung mächtig ins Zeug und scheint (im Sinne von Miss Wilkinson und “All you have to do is shine”) richtig.

Lieblingstracks: “Drei Worte von dir”, “Finale 1. Akt – Die Zweifel sind nun fort”, “Nur weg von hier”

Für alle, die auf ein bisschen Gefühl stehen und Drama wollen, die dramaturgisch gut gearbeitete Brüche hören wollen, und schöne kleine Riffs auf das Wort “New York”.

2. Disney’s Der Glöckner von Notre Dame (Berlin, 2017)

IMG_7677Meine persönliche Liebe des Sommers war ja Der Glöckner von Notre-Dame, wie ich hier und hier schon ausgedrückt habe. Bei meinem zweiten Besuch haben meine Frau Mama und ich die damals frisch erschienene und exklusiv im Theater erhältliche CD mitgenommen, weil…wie gesagt: Wie häufig bekommen wir neue CDs in Deutschland? Und dann auch noch solche Musik! Inzwischen ist die CD auch im freien Handeln von Sound of Music bis Amazon erhältlich und ich bin immer noch ein Fan.

die ergreifendsten Momente: “Der Klang von Notre-Dame”/ 7:20 bis 7:30, “Aus Stein”, “Finale Ultimo”/ 0:48 bis 1.01

Für alle, die mal wieder hören wollen, wie man das MEGA ins Megamusical tut, die eine dramatisch-atemberaubende Leistung eines Rocktenors nochmal Revue passieren lassen und den Übergang eines 1999er Musicals ins 21. Jahrhundert hören wollen

3. Wonderful Town (Dresden, 2017)

IMG_7676Beinahe hätte ich diesen Absatz angefangen mit “Diese Aufnahme unterscheidet sich von den anderen beiden…” und das stimmt auch – wenn auch aus anderen Gründen, als ich eigentlich zuerst dachte. Wonderful Town ist nämlich sehr viel älter als die anderen beiden Stücke und eines von denen, die man hier im deutschsprachigen Raum sehr bewusst “kennen lernen muss” (obwohl ich in meinem absoluten Lieblingsbuch “Changed for good. A feminist history of the Broadway musical” schon vor langer Zeit drüber gelesen hab). Die nun erschienene Aufnahme ist aus der Staatsoperette in Dresden (ein Staatstheater, HA, eine Gemeinsamkeit mit der Ghost-Aufnahme!) und es ist einfach so schön, witzig und vor allem ein RICHTIG GUTES ZEICHEN für die generelle Musical-CD-Landschaft im deutschsprachigen Raum, dieses Stück als eine Live-Aufnahme zu produzieren. Jetzt ist die Zeit auch nicht mehr ganz so lang, bis ich am 12. November endlich einmal diese Produktion live sehen kann.

Die witzigsten Momente: wenn Ruth in “Hundert gold’ne Regeln, einen Mann zu verlier’n” quasi die Story meines Lebens erzählt, “Für nichts” anhören und dann direkt danach “Let’s have lunch” aus Sunset Boulevard, “Conga” (was sich alles reimen kann!)

Für alle die, wie eine sehr liebe Freundin und immer wieder mal Kollegin, einmal sagte “keinen einzigen Moment schlechte Musik” miterleben wollen. Zumindest schonmal auditiv.

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#FavouriteFriday – Musikimport

Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812

Wenn ich meinen Soundtrack des Sommers beschreiben müsste, würde ich sagen: Natasha, Pierre & the Great Comet, Hunchback of Notre-Dame und Georgia Stitt gewürzt mit einer großen Prise Dear Evan Hansen und “One Day” aus Groundhog Day.

Ich habe mich während der Off-Broadway-Spielzeit nicht besonders für Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812 interessiert – zum großen Teil, weil ich einfach nicht wusste, was sich hinter diesem Titel verbrigt. (Schuldig im Sinne der Anklage!) Und dann hat’s mich auf meiner Fahrt aus Wiesbaden nach Berlin einfach eingeholt.

Wenn ich ganz ehrlich bin, gewinnt der Score schon in dem Moment, in dem man mir als erste gesungene Worte des Stücks “There’s a war going on out there somewhere – and Andrej isn’t here” präsentiert. Like: Ok, I don’t know anything about Andrej, but apparently he isn’t here” – das ist schon wieder ganz mein Humor. Was sich im Anschluss an diese Zeile entfaltet, ist quasi eine Tolstoi-Extravaganza: Es wird Krieg und Frieden, das Monster-Werk der russischen Literatur, verhandelt (“It’s a complicated Russian novel, everyone has got nine different names” – auch hier wieder: mein Humor). Es wird viel gelitten, euphorisch geliebt und dramatisch intrigiert.

Neulich habe ich in diesem Artikel in der New York Times gelesen, dass The Great Comet eindeutig auf der Bühne besser sei als auf CD, und das glaube ich tatsächlich auch – zumal ich vergangenen Sommer Rachel Chavkin’s Inszenierung Hadestown am New York Theatre Workshop habe sehen können und ihre Arbeiten anscheinend gern die traditionelle Trennung von Bühnen- und Zuschauerraum auflösen. Wenn ich mir jetzt quasi versuche, Hadestown in den Dimensionen des Imperial Theatre mit weniger antik-griechischem, dafür mehr 19. Jahrhundert-russischem Drama vorzustellen – HALLELUJA, YES PLEASE!

Dennoch finde ich die CD auch ohne Bühnenspektakel ganz ganz großartig, man kann sie tatsächlich auch gut beim Sport hören (und wenn wir Showtunes-Kinder ehrlich sind, ist das das einzige, was zählt…kleiner Scherz) und “Dust and Ashes”, in dem Pierre seine Suche nach dem Sinn des Lebens artikuliert, hat schon einmal dafür gesorgt, dass ich vor dem Konservenregal im Edeka anfangen musste zu weinen (das ist KEIN Scherz).

der beste Einstieg: man mag es kaum glauben, aber es ist tatsächlich der Prolog.
Was man unbedingt hören muss, wenn man keine zwei Stunden Zeit es, es einmal komplett zu hören: Natasha & Bolkonskys, Dust and Ashes, The Ball, Letters, Preparations, Pierre & Natasha
die Nebenwirkungen: man will irgendwie dann plötzlich “Krieg und Frieden” lesen – ich ‘musste’ zumindest in meinem Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte die neue deutsche Übersetzung kaufen. Nur leider schlafe ich immer ein.