Deutschland

Deutscher Musical Theaterpreis 2017

Die Nominierungen und ein Kommentar dazu

Anfang dieser Woche wurden die Nominierten des Deutschen Musical Theaterpreises 2017 bekannt gegeben, ein Preis, der seit 2014 offiziell (damals an Helmut Baumann als einzigen Preisträger) und seit 2015 dann so richtig jährlich verliehen wird.

Für die, die sich in der (deutschen) Musical-Szene nicht so besonders auskennen: Der Deutsche Musical Theaterpreis versteht sich als ein Preis “von Musical-Profis für Musical-Profis” (so steht’s auf deren Website) und ist quasi wie die Tony Awards (nur seeeeeeeeeeeeeeehr viel kleiner) in Deutschland oder wie DER FAUST, der jedes Jahr vom Deutschen Bühnenverein verliehen wird – nur eben fürs Musical.

Das Prinzip ist einfach – Produzenten können ihre Uraufführungen aus dem deutschsprachigen Raum für diesen Preis vorschlagen, eine Jury wählt dann aus denen aus und nomiert bestimmte Produktionen.

Da ich leider von den nominierten Produktionen KEINE EINZIGE gesehen habe (jo, I know, shame on me!), denn meine eigene Arbeit in Staatstheatern fordert ihren Tribut – kann und will ich mir keinen inhaltlichen Kommentar zu den Nominierungen erlauben außer: Gender Equality scheint – wenn man die Nominierten als ein repräsentatives Abbild der Bewerber und die widerum als ein repräsentatives Abbild der deutschen Musicallandschaft sieht – nicht besonders großgeschrieben zu werden…so sind drei von drei nominierten Kompositionen von männlichen Komponisten, in der Kategorie “bestes Buch” konkurrieren vier Männer (zwei 2er-Teams) mit einer Frau, während die Liedtext-Nominierungen wieder ausschließlich in männlicher Hand sind. No shade being thrown here und die Kollegen haben sicherlich eine herrliche Arbeit geleistet, aber es stellt sich dennoch ein wenig die Frage, WO genau das Problem liegt. DASS es ein Problem gibt, ist glaub ich kaum zu bestreiten.

Nun aber zum eigentlichen Kommentar! (ENDLICH, Lisanne!)

Ich verstehe – und in gewisser Weise schätze ich auch – die Initiative der Deutschen Musicalakademie, deutsch(sprachig)e Uraufführungen zu fördert, auszuzeichnen und über ihre lokale/regionale Strahlkraft hinweg bekannter zu machen. Und um das mal mit den Worten des Bürgermeisters meiner Kindheit und Teenager-Zeit zu sagen: Das ist auch gut so.

ALLERDINGS gibt es da zumindest aus meiner Sicht einige kleine Problemchen:

So groß ist die “Flut” an deutschsprachigen Uraufführungen auch nicht, dass dieser Preis tatsächlich jedes Jahr genug Auswahl hätte. Und nicht einmal die Nachspielungen deutscher Stücke würde das massiv verändern, werden doch die Spielpläne in Wellen immer noch von Evita, Jesus Christ Superstar und West Side Story dominiert (nicht, dass irgendwas falsch wäre mit diesen Stücken, ich mag sie sehr, nur innovativ ist meist etwas anderes…). Auf der Bewerberliste für dieses Jahr stehen 17 Produktionen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund – manche sind in kleinen Stadttheatern oder in Landesbühnen produziert worden, mache an Off-Spielstätten in Berlin, andere an Freilichtbühnen oder relativ großen Stadttheatern und wieder andere an Institutionen, die über ihre Landesgrenzen bekannt sind (Volksoper!). Diese Vielfalt ist toll und sie bildet tatsächlich die Vielfalt der deutschsprachigen Theaterlandschaft ab, zumindest was die Größe und Struktur der Theaterspielstätten angeht.

DENNOCH ertappe ich mich jedes Jahr wieder dabei, wie ich mir wünsche, dass sie Kategorien um die eine oder andere erweitert werden würde, denn es lässt sich kaum leugnen, dass vieles an Inspiration, Kreativität und Innovation aus dem (englischsprachigen) Ausland zu uns rüberschwappt. Theater beweisen immer wieder den Mut, nicht nur Uraufführungen zu bringen, sondern auch Erstaufführungen, Wiederentdeckungen, Ausgrabungen abseits der Dreifaltigkeit des Megamusicals.

Deshalb, liebe Musicalakademie, erlaube ich mir hier, ein paar träumerische, utopische, aber auch ernstgemeinte Vorschläge zu machen:

Beste Erstaufführung – in der vergangenen Spielzeit brauchte das TfN in Hildesheim die deutschsprachige Version von Dogfight, es gab gleich zweimal Die Brücken am Fluss, in vergangenen Jahren gab es Ragtime und Next to Normal, in Trier wurde die deutschsprachige Erstaufführung von Murder Ballad dann “dank” Intendatenwechsel doch nicht gebracht und das sind nur einige wenige Beispiele. Die Theater, die das programmieren, wagen mit vielen Erstaufführungen immer auch ein thematisches, inhaltliches oder formales Experiment, das die Musical-Sehgewohnheiten der meisten deutschen Theatergänger_innen herausfordert. Sollte das nicht gewürdigt werden?

Beste Regie – so generell. Es gibt zwar auch viel “so la la”-Musicalregie in deutschen Theatern, aber es gibt so viele Regisseure und Regisseurinnen, die immer wieder erstaunliches leisten. So hat Martin G. Berger zum Beispiel einige wunderbare, provokante, erschütternde und anrührende Inszenierungen geschaffen und war bisher mit Ausnahme seiner Arbeit Stella im letzten Jahr (wo er ihn dann auch mit nach Hause genommen hat) ausgeschlossen, weil er sich an Vorlagen abgearbeitet hat, sie aufgebrochen hat und uns neue Farben der Stoffe gezeigt hat.

Beste Übersetzung – wenn wir über Erstaufführungen sprechen, müssen wir auch über Übersetzer_innen sprechen. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass wir alle schonmal in einer Musicalinszenierung saßen und es uns eiskalt den Rücken runterlief, weil der Text entweder unsingbar war, seltsame Formulierungen oder endlose Elipsen enthielt oder man sich schlicht und einfach fragen musste: Wie wäre das jetzt wohl im Original? Wenn Texte, vor allem Liedtexte, nicht im Original deutsch sind, dann beeinflusst die Übersetzung unser Seherlebnis entscheinend. Und wie viele Menschen verwechseln eine ungute Texterfahrung vielleicht einfach mit “Uhh….das war aber kein gutes Musical”?

Beste Darstellerin / Bester Darsteller – s. Regie, so ganz generell. Weil ganz ehrlich: Wollen wir, dass Kraftakte wie David Jakobs’ Quasimodo im Glöckner von Notre Dame, oder Sarah Schütz’ Arbeit in Wonderful Town in Dresden als nicht preiswürdig abgetan werden? Eben.

Irgendwann wären natürlich auch noch etwas ‘abgedrehtere’ Kategorien denkbar wie “Bester Off-Produzent” oder ähnliches, um die kleineren, hartarbeitenden Produzent_innen-Gruppen in ihrer Arbeit zu würdigen. (Special-Shoutout here für Studio Lev in Kassel, die seit Jahren wunderbare auch politische Arbeit mit Laien und Profis gleichermaßen leisten!)

Lasst uns Musical feiern und mit Preisen bedenken! Aber so richtig und mit Freude an der Vielfalt und Innovation.

Welche Kategorie würdet ihr hinzufügen wollen, wenn ihr könntet? Und was war eure liebste Musicalproduktion des vergangenen Jahres?

 

 

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Vielleicht können wir zu dritt glücklich sein.

Sorry, English speaking folks! Once more a German-only post….
Nach dem gestrigen #MusicMonday zum Thema “Lotte in Wetzlar” kommen hier nun meine Gedanken zu meinem Freilichtabend in Wetzlar vor anderthalb Wochen.

Disclaimer: Ich weiß auch nicht, warum ich die ganze Zeit so bissig bin. #sorrynotsorry

Vor anderthalb Wochen während meiner latent absurden “4 Städte in 4 Tagen”-Reise war auch einer der Zwischenstops die deutsche Stadt mit dem wunderbare deutschen Namen Wetzlar, wo ich das neue (deutsche) Musical “Lotte” (Buch u. Liedtexte: Kevin Schroeder, Musik: Marian Lux, dramaturgische Mitentwicklung u. Regie: Christoph Drewitz) ansehen konnte.

Als die drei Herren der Schöpfung (haha, Witz!) samt Oliver Arno (Werther) und Anne Hoth (Lotte) bei der letzten Ausgabe der Schreibmaschine in Berlin ein paar Songs vorgestellt haben, waren genau diese Stücke bei uns noch Tage später Thema. Ich meine mich an WhatsApp-Nachrichten zu erinnern, die lediglich “O M G Lotte!!” hießen. (more…)

Music Monday … So kann’s nicht weiter gehen

Once more a late #MusicMonday this week – but you know what? A late Music Monday is better than no Music Monday, right?

This week I want to give you a little hint on what to expect on this blog tomorrow….it’s not really a hint, I’ll just say it: A week ago I saw the originally German musical “Lotte” in the small German town of Wetzlar and before I finally get my sh*t together and write down my thoughts (sorry, German once again…) I want to give you a little impression of the music. Although I think it’s not nessescarily the best example to show you the musical “vibe” of the show, it’s as much as we get. So, we have to just roll with it and get to know a little bit of Werther and Lotte with this Demo. And for the non-German folks on here: Yes, you can sing in German. And no, it’s not always funny.

What have you been listening to today?

And over the last week?

What’s your summer show-tune?

Maybe This Time … Reflexionen zum Bad Hersfelder Cabaret

Disclaimer: Das hier ist keine Theaterkritik im herkömmlichen Sinne. Finde ich jedenfalls.

Wer mir auf anderen Social-Media-Kanälen folgt weiß, dass ich einen Hashtag meiner wunderbaren Twitter-Bekanntschaft @lippunermarc zu Cabaret-Inszenierung, die seit gefühlten 20 Jahren jeden Sommer in Berlin läuft, gewissermaßen entführt habe. Und zwar nach Hessen. Weil es dort zum allerersten Mal in meinem (Theater-)Leben hieß: Get ready to #Bjängvenü!

Ich habe nämlich eine kleine Tingelreise, die ich eh vorhatte (Ludwigsburgs – Stuttgart – Wetzlar), um einen Stop erweitert und bin von Wetzlar fast drei Stunden lang in Regionalzügen inklusive 50 Minuten Aufenthalt im sonntäglich verschlafenen Fulda nach Bad Hersfeld weitergefahren, eben um mir nun also die erste Cabaret-Inszenierung meines Lebens anzugucken (fragt mich nicht, warum ich die in Berlin noch nie gesehen hab!) und damit auch noch eine Arbeit des Regisseurs zu sehen, in dessen “Hair”-Produktion ich in der nächsten Spielzeit kurz vor meiner Masterarbeit als Dramaturgiehospitantin rumspringen werde.

Schon im Vorfeld war ich von den Bildern der Produktion begeistert und habe mal wieder sämtliche Klischees, die es vielleicht zu mir gibt, bestätigt: Gebt Lisanne etwas, in dem Gender-Bending eine Rolle spielt und/oder Geschlechterrollen flexibel ausgelegt werden, und Lisanne findet es großartig! Genau, so vorhersehbar bin ich.

Und die flexible Gestaltung von Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten ist hier Programm bis ins Innerste der Inszenierung. Wahrscheinlich, aber das ist reine Spekulation, weil ich das Stück als Stück nicht gut genug kenne, liegt die flexible Handhabung von Rollen und Rollenbildern schon im Stück begründet – das ist auch eine ganz andere Geschichte, auf die wir später kommen….

Das fängt bei der offensichtlich etwas unkonventionellen Besetzung des Conférenciers mit Helen Schneider an und zieht sich durch die immer wieder changierenden Erscheinungen der Kit-Kat-Boys und -Girls, bei “Mein Herr” sind die Boys gewissermaßen (und etwas eindeutig) halb-halb – bis hin zu Sally, die sich zum Teil in einer Art permanenten Travestie befindet, wenn sie alles, was sie trägt, einfach über ihren Club-/Arbeits-/Cabaret-Dress zieht und dabei alle althergebrachten (Geschlechter-)Konventionen hinter sich lässt: Cliffs Klamotten? Yes, please! Riesiger, weißer (hoffentlich Kunst-)Pelz? Yes. Ein ‘normales’ Kleid samt Hut für die Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schultz? YES, aber auf jeden Fall mit ‘passendem’ Makeup, sondern mit den gewohnten, schwarz überschminkten Augen, die auch zu allen anderen Kostümen da sind.

Und genau dieses Changieren, dieser Shift ist es, was auch sonst die Grundlage dieser Produktion zu sein scheint: Dinge bewegen sich leicht und leise in aus der Konvention und dem Erwartbaren hinaus, gewissermaßen aus dem Rahmen, testen über weite Strecken die Regeln und Konventionen des “deutschen Sommertheaters” aus und überschreiten sie. So schleicht sich auch die Nazi-Thematik ein. Alles ist Fun and Games, Sally kommentiert trocken ein Buch, das sie bei Cliff findet: “Mein Kampf. Uhhh, das ist ja deutsch, wie langweilig!” (aus dem Kopf, wahrscheinlich ein bisschen anders…) und dann wird das politisch-zeitliche Kolorit kaum mehr erwähnt bis das sonst häufig gestrichene Meeskite von Herrn Schultz gesungen wird, Ernst wiederum seine “Travestie” auflöst, ein Kleidungsstück auszieht und die Nazi-Uniform drunter ist – und kurz danach eine komplette Hakenkreuzflagge ausgerollt wird, bevor das Publikum in die Pause geschickt wird.

(hier schon einmal eine kurze Applauspause, dass sich hier gegen die beliebte Haltung des “Fun and Games” im Sommertheater entschieden wurde und für die gewählte Drastik des deutlichen Hakenkreuz-Banners!)

Auf einer anderen Ebene wird hier auch immer weiter (auch stückbedingt) das Vorgehen in einem Nachtclub pervertiert, “Normal” reicht nicht mehr, im Laufe des Abends wird das Spiel mit den (Gender-)Grenzen immer größer. Statt des vor allem in den 20er und 30er Jahren sehr beliebten Kribbels des Uneindeutigen und in Nachtclubzusammenhängen vor allem der Frau-zu-Mann-Travestie bzw. der Androgynität bzw. der Frauen, die dezitiert Männlichkeit performen, wird dieses Konzept innerhalb bestimmter Grenzen pervertiert und ad absurdum geführt: Ein Goriller tanzt im Kit-Kat-Club, Tänzer_innen als Charles de Gaulle und Winston Churchill maskiert tanzen um Geld und Reichtum, und schließlich eskaliert alles, als Sally (nachdem Bettina Mönch, die Bad Hersfelder Sally, ein grandioses Maybe this time hingelegt hat!) im Rausch zurückkehrt in den Kit-Kat-Club, die Schwangerschaft abbricht und zum Schluss – soweit von Fun and Games entfernt wie nur irgendmöglich – zwischen den leuchtenden Lettern B E R L I N auf der obersten Ebene des Bühnenbild-Karussels steht und uns ihr Ende, das Ende der Figur Sally Bowles, erzählt.

Der “Temperatur”-Shift deutet sich an und übernimmt dann die Kontrolle, ohne dass man es sofort bemerkt – und die Inszenierung geht auf diese Stück”vorgabe”/-lesart ein, feinfühlig und gibt uns als Zuschauer die Möglichkeit, uns immer wieder zu fragen: Wie sind wir hierher gekommen?! (und damit meine ich nicht in die Stiftsruine – zu Fuß) Die zweite große Leistung der Inszenierung, aber auch des Bühnenbilds, ist die Konzentrierung des Geschehens auf kleinsten Raum.

Vor der Vorstellung las ich im Programmheft ein Statement von Gil Mehmert, in dem er meinte, dass Cabaret sich mit der Zeit immer mehr “zum Kammerstück” entwickelt habe. Ich sah auf die Bühne, die in der Stiftsruine ja gigantisch und weitläufig ist (so sehr, dass ich immer an Schlingensief denken musste und zwar an seinen Inszenierungsbericht zum Parsifal, Stichwort: Parsifal steht hinten und winkt.), sah wieder ins Programmheft, schaute nach ob ich an dem Satz irgendetwas falsch verstanden hatte, und dachte mir kurz und sehr gemein, wie ich manchmal bin: Ha, “Kammerspiel” scheint ein dehnbarer Begriff zu sein.

Nun gut, der Witz ging auf mich, und vor allem im zweiten Teil ist der Sog, mit dem die Inszenierung das Stück und die Zuschauer_innen miteinander verzwirbelt, so stark, dass man sich auch hier immer wieder fragt: Wir sind wir hierher gekommen? Wir vergessen, wie groß die Bühne ist, sein kann, sein könnte (!) und nehmen nur diesen Raum an als Bühne, der Rest verschwindet.

Was ich mit all dem eigentlich sagen will: Gil Mehmert zeigt uns hier, dass das Stück mehr ist als Nervenkitzel des Betrachters Menschen beim Aufstieg und Fall mit dem Verruchten der späten 20er/frühen 30er Jahre gepaart vorzuführen. Stattdessen wird uns als Zuschauer die Möglichkeit gegeben, die Frage zu stellen, die 15 Jahre nach dem Setting des Musicals Deutschland prägen wird.

Wie sind wir hierher gekommen?