Deutscher Musical Theaterpreis 2017

Die Nominierungen und ein Kommentar dazu

Anfang dieser Woche wurden die Nominierten des Deutschen Musical Theaterpreises 2017 bekannt gegeben, ein Preis, der seit 2014 offiziell (damals an Helmut Baumann als einzigen Preisträger) und seit 2015 dann so richtig jährlich verliehen wird.

Für die, die sich in der (deutschen) Musical-Szene nicht so besonders auskennen: Der Deutsche Musical Theaterpreis versteht sich als ein Preis “von Musical-Profis für Musical-Profis” (so steht’s auf deren Website) und ist quasi wie die Tony Awards (nur seeeeeeeeeeeeeeehr viel kleiner) in Deutschland oder wie DER FAUST, der jedes Jahr vom Deutschen Bühnenverein verliehen wird – nur eben fürs Musical.

Das Prinzip ist einfach – Produzenten können ihre Uraufführungen aus dem deutschsprachigen Raum für diesen Preis vorschlagen, eine Jury wählt dann aus denen aus und nomiert bestimmte Produktionen.

Da ich leider von den nominierten Produktionen KEINE EINZIGE gesehen habe (jo, I know, shame on me!), denn meine eigene Arbeit in Staatstheatern fordert ihren Tribut – kann und will ich mir keinen inhaltlichen Kommentar zu den Nominierungen erlauben außer: Gender Equality scheint – wenn man die Nominierten als ein repräsentatives Abbild der Bewerber und die widerum als ein repräsentatives Abbild der deutschen Musicallandschaft sieht – nicht besonders großgeschrieben zu werden…so sind drei von drei nominierten Kompositionen von männlichen Komponisten, in der Kategorie “bestes Buch” konkurrieren vier Männer (zwei 2er-Teams) mit einer Frau, während die Liedtext-Nominierungen wieder ausschließlich in männlicher Hand sind. No shade being thrown here und die Kollegen haben sicherlich eine herrliche Arbeit geleistet, aber es stellt sich dennoch ein wenig die Frage, WO genau das Problem liegt. DASS es ein Problem gibt, ist glaub ich kaum zu bestreiten.

Nun aber zum eigentlichen Kommentar! (ENDLICH, Lisanne!)

Ich verstehe – und in gewisser Weise schätze ich auch – die Initiative der Deutschen Musicalakademie, deutsch(sprachig)e Uraufführungen zu fördert, auszuzeichnen und über ihre lokale/regionale Strahlkraft hinweg bekannter zu machen. Und um das mal mit den Worten des Bürgermeisters meiner Kindheit und Teenager-Zeit zu sagen: Das ist auch gut so.

ALLERDINGS gibt es da zumindest aus meiner Sicht einige kleine Problemchen:

So groß ist die “Flut” an deutschsprachigen Uraufführungen auch nicht, dass dieser Preis tatsächlich jedes Jahr genug Auswahl hätte. Und nicht einmal die Nachspielungen deutscher Stücke würde das massiv verändern, werden doch die Spielpläne in Wellen immer noch von Evita, Jesus Christ Superstar und West Side Story dominiert (nicht, dass irgendwas falsch wäre mit diesen Stücken, ich mag sie sehr, nur innovativ ist meist etwas anderes…). Auf der Bewerberliste für dieses Jahr stehen 17 Produktionen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund – manche sind in kleinen Stadttheatern oder in Landesbühnen produziert worden, mache an Off-Spielstätten in Berlin, andere an Freilichtbühnen oder relativ großen Stadttheatern und wieder andere an Institutionen, die über ihre Landesgrenzen bekannt sind (Volksoper!). Diese Vielfalt ist toll und sie bildet tatsächlich die Vielfalt der deutschsprachigen Theaterlandschaft ab, zumindest was die Größe und Struktur der Theaterspielstätten angeht.

DENNOCH ertappe ich mich jedes Jahr wieder dabei, wie ich mir wünsche, dass sie Kategorien um die eine oder andere erweitert werden würde, denn es lässt sich kaum leugnen, dass vieles an Inspiration, Kreativität und Innovation aus dem (englischsprachigen) Ausland zu uns rüberschwappt. Theater beweisen immer wieder den Mut, nicht nur Uraufführungen zu bringen, sondern auch Erstaufführungen, Wiederentdeckungen, Ausgrabungen abseits der Dreifaltigkeit des Megamusicals.

Deshalb, liebe Musicalakademie, erlaube ich mir hier, ein paar träumerische, utopische, aber auch ernstgemeinte Vorschläge zu machen:

Beste Erstaufführung – in der vergangenen Spielzeit brauchte das TfN in Hildesheim die deutschsprachige Version von Dogfight, es gab gleich zweimal Die Brücken am Fluss, in vergangenen Jahren gab es Ragtime und Next to Normal, in Trier wurde die deutschsprachige Erstaufführung von Murder Ballad dann “dank” Intendatenwechsel doch nicht gebracht und das sind nur einige wenige Beispiele. Die Theater, die das programmieren, wagen mit vielen Erstaufführungen immer auch ein thematisches, inhaltliches oder formales Experiment, das die Musical-Sehgewohnheiten der meisten deutschen Theatergänger_innen herausfordert. Sollte das nicht gewürdigt werden?

Beste Regie – so generell. Es gibt zwar auch viel “so la la”-Musicalregie in deutschen Theatern, aber es gibt so viele Regisseure und Regisseurinnen, die immer wieder erstaunliches leisten. So hat Martin G. Berger zum Beispiel einige wunderbare, provokante, erschütternde und anrührende Inszenierungen geschaffen und war bisher mit Ausnahme seiner Arbeit Stella im letzten Jahr (wo er ihn dann auch mit nach Hause genommen hat) ausgeschlossen, weil er sich an Vorlagen abgearbeitet hat, sie aufgebrochen hat und uns neue Farben der Stoffe gezeigt hat.

Beste Übersetzung – wenn wir über Erstaufführungen sprechen, müssen wir auch über Übersetzer_innen sprechen. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass wir alle schonmal in einer Musicalinszenierung saßen und es uns eiskalt den Rücken runterlief, weil der Text entweder unsingbar war, seltsame Formulierungen oder endlose Elipsen enthielt oder man sich schlicht und einfach fragen musste: Wie wäre das jetzt wohl im Original? Wenn Texte, vor allem Liedtexte, nicht im Original deutsch sind, dann beeinflusst die Übersetzung unser Seherlebnis entscheinend. Und wie viele Menschen verwechseln eine ungute Texterfahrung vielleicht einfach mit “Uhh….das war aber kein gutes Musical”?

Beste Darstellerin / Bester Darsteller – s. Regie, so ganz generell. Weil ganz ehrlich: Wollen wir, dass Kraftakte wie David Jakobs’ Quasimodo im Glöckner von Notre Dame, oder Sarah Schütz’ Arbeit in Wonderful Town in Dresden als nicht preiswürdig abgetan werden? Eben.

Irgendwann wären natürlich auch noch etwas ‘abgedrehtere’ Kategorien denkbar wie “Bester Off-Produzent” oder ähnliches, um die kleineren, hartarbeitenden Produzent_innen-Gruppen in ihrer Arbeit zu würdigen. (Special-Shoutout here für Studio Lev in Kassel, die seit Jahren wunderbare auch politische Arbeit mit Laien und Profis gleichermaßen leisten!)

Lasst uns Musical feiern und mit Preisen bedenken! Aber so richtig und mit Freude an der Vielfalt und Innovation.

Welche Kategorie würdet ihr hinzufügen wollen, wenn ihr könntet? Und was war eure liebste Musicalproduktion des vergangenen Jahres?

 

 

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#MusicMonday … Me and the Sky

Guten Morgen,

nachdem ich letzte Woche einfach nur zu müde war, um am Freitag einen thematischen/inhaltlichen Post zu veröffentlichen, gibt es nun einfach einen neuen MusicMonday.

Und auch diese Woche etwas aus einem großen Broadway-Hit, because that’s my JAM at the moment. Jenn Colella hat mich mit diesem Lied mehrfach einfach zu Tränen gerührt, sodass ich wie your ordinary crazy lady heulend vor meinem Computer saß.

Noch spannender als ihre Performance finde ich allerdings, dass “Me and the Sky” die einzige richtige Solonummer aus Come from Away ist, das sich extrem energetisch und quasi als “Feel-Good-Musical” (so komisch das klingt) mit den Auswirkungen von 9/11 auf den internationalen Flugverkehr um dieses Datum herum beschäftigt. Nennt mich pathetisch, aber irgendwie mag ich es, wenn Stücke, die sich derartig mit Gemeinschaft auseinandersetzen und quasi Zusammenhalten promoten, dann auch Ensemblestücke sind, wo die spielerische Gemeinschaft geradezu die Energie hervorbringt, die dann zu einer Faszination wird.

Was hört ihr heute?

#MusicMonday … Good for you

Ich bin momentan nicht besonders off-anything. Oder gar off-off. Momentan müssen die großen Produktionen musikalisch ran, um mich ‘über Wasser zu halten’. Also heute nun Dear Evan Hansen.

Wenn ich mich mit like-minded Musicalmenschen unterhalte, kann ich mich häufig dann nicht entscheiden, was ich UNBEDINGT MAL WIEDER HÖREN MUSS.

So war das auch am Samstag, als ich bei einer Einweihungsfeier auf Menschen traf und ein Kommentar zum nächsten führte und plötzlich gab’s ein Gespräch über “Waving through a window”. Ich sagte “Aber dieses andere Lied ist eigentlich noch viel krasser!” und mir fiel aber ums Verrecken der Titel nicht ein. Auf dem Nachhauseweg dann natürlich schon – und deshalb MUSS “Good for you” mit der grandiosen Performance von Rachel Bay Jones heute einfach meine Montagsmusik sein.

Was hört ihr zum Wochenanfang?

 

Links zum Wochenende

The Musical Edit

Lesen – Hören – Ansehen

Ich wünschte, ich könnte schreiben “So langsam nimmt die Theaterwelt in Deutschland wieder Fahrt auf”, aber ehrlich gesagt sind die allermeisten Theater noch in den Ferien, sogar ‘meine beiden’ (die, zu denen das Ensemble gehört, für das ich arbeite) urlauben offiziell noch, nur wir haben schon die erste Woche der neuen Spielzeit hinter uns gebracht.

Wie dem auch sei…in dieser Woche habe ich tatsächlich einmal ein ganz normales Wochenende wie Menschen mit ‘normalen’ Jobs – nämlich Samstag und Sonntag frei. Und was läge da näher als einmal ein paar Dinge zusammenzuschreiben, die ich – theatral und untheatral – in den nächsten zwei Tagen on the internet so vor habe?

Zuerst muss ich glaub ich mal meine feminist vibes aufladen. Ich bin ein großer Fan der Arbeit von Victoria und Danielle (und ihren Kolleginnen) auf www.theintervalny.com, dem wie sie es selbst nennen “Smart girl’s guide to theatricality”. Dort findet man immer irgendein Interview mit mindestens einer spannenden Bühnenpersönlichkeit, die einen gerade extrem interessiert – zudem stellen sie häufig mit einer ganz besonderen Zielgenauigkeit Fragen nach Geschlechtergleichheit (gender parity) im Theater, den so genannten Glass Curtains und Vorbildern. Auf meiner Leseliste steht derzeit zum Beispiel das mit Jenn Collela ganz oben, die mich immer noch regelmäßig mit “Me and the Sky” auf der Broadway-Aufnahme von Come From Away zum Weinen bringt.

Neulich fragte mich zudem ein Freund, ob ich 36 Questions kennen würde, das Podcast-Musical. Ich kannte es nicht, ich habe es aber gleich einmal abonniert und nun warten die Episoden auf meinem Telefon geduldig darauf, angehört zu werden. Da das Wetter auch hier in Wiesbaden (das man angeblich auch das “Nizza des Nordens” nennt, Kurstadt, heiße Quellen und so…) eher herbstlich und verregnet ist, gibt es doch kaum eine bessere Vorstellung als Podcasts anhören und stricken oder putzen. Aber eigentlich eher stricken. 🙂

Letzten Sonntag habe ich durch Zufall einen (ein? eine?) Bootleg von Natasha, Pierre & the Great Comet on 1812 auf Youtube gefunden. Ich habe NATÜRLICH draufgeklickt, mir dann aber gedacht, dass ich – sollte ich in den Genuss dieser Show live kommen – die Magie dann eben tatsächlich dort zum ersten Mal erleben will, um mich dort eben in diesem Moment ent- und verführen zu lassen. Allerdings wurde ja im Laufe der Woche die Schließung der Show im September angekündigt und da meine nächste New York Reise (hoffenlich) “erst” im März 2018 statt finden wird, werde ich es verpassen müssen, leider. Also stellt sich mir jetzt nur noch die Frage: erst den/die/das Bootleg angucken und dnan hartcore Krieg und Frieden lesen oder andersrum?

Was habt ihr vor am Wochenende? Musikhören? Lesen? Vielleicht geht ihr ins Theater und gucke eine der vielen Open-Air-Vorstellungen an, die gerade noch überall laufen?

 

 

#MusicMonday … Letters

Eine neue Woche, ein neuer #MusicMonday!

Meine derzeitig Begeisterung für “Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812” ist spätestens nach meinem Artikel vor anderthalb Wochen kein Geheimnis mehr. Die Casting-Stunts und das damit verbundene Drama machen mich ein bisschen besorgt, dass – sollte ich tatsächlich im März mal wieder nach New York kommen – ich das Stück schon nicht mehr zu sehen bekommen werde. (und wer dieses ganze Drama verpasst hat, der mein lieber Niklas hat dazu bei Kulturpoebel einen Kommentar geschrieben)

Wie dem auch sei, lustigerweise habe ich meinen erste Zugang zu diesem Stück nicht durch das humoristische Opening (ich erzählte davon…), sondern durch einen weniger lustigen, dafür dramatischen Song gefunden, der während der Zugfahrt von Wiesbaden nach Berlin zu Beginn meines Urlaubs in ENDLOSSCHLEIFE lief, die Rede ist von “Letters”.

Abgesehen davon, dass ich Briefe privat auch ganz toll finde (auch wenn man sich manchmal vor dem Lesen drückt…), leistet dieser Song einmal mehr ganze Arbeit, die vielen verschiedenen Figuren miteinander zu verknüpfen, jeder ihren Raum zu geben und die richtigen dramatischen Spitzen zu setzen.

Was mich am meisten berührt: “Dear Andrey….what more can I write after all that has happened?” (vor allem die Pause, die für das, was das Metrum wie auch alles Vorangegangene erwarten lassen, unendlich lang ist, dass es schon fast plakativ ist)

Das größte Ohrwurm-Potenzial dieses Songs: “Natalie, Natalie, Natalie, I must love you or die” (ich geb’s zu, ich bin Freundin von latent fatalistischen Lyrics)

Ich wünsche euch allen ein gutes Hören und gut gespitzte Ohren in der neuen Woche!

4 Dinge …

die ich bei meinem zweiten Besuch beim Glöckner gelernt hab

Ich darf mich zwar seit über einem Jahr großspurig Master of Arts nennen und manche würden an dieser Stelle denken, sie müssten nichts mehr lernen – allerdings glaube ich tatsächlich an lebenslanges Lernen (dass ich in meinem Vorhaben, in meinen vier Wochen Spielzeitferien Französisch zu lernen, grandios gescheitert bin, ist Stoff für einen anderen Tag…..) und ich glaube tatsächlich noch mehr daran, dass (wiederholte) Theaterbesuche einem wirklich Sachen beibringen können, wenn man nur wach genug zuschaut.

Nun also….Vorhang auf für 4 Dinge, die ich bei meinem zweiten Besuch beim Glöckner von Notre-Dame gelernt hab:

Ich liebe erzählerische Klammern
Das ist ein bisschen gelogen, das habe ich nicht gerade erst gelernt. Ich liebe erzählerische Klammern ungefähr seit der 5. Klasse, nachdem man mir überzeugende Argumente bot, dass “und sie wachte auf und alles war nur ein Traum” KEIN Moment guten Erzählens ist – generally speaking. Erzählerische Klammern können genau diese Funktion aber übernehmen, oder viel mehr: mit eben so einer haben wir’s beim Glöckner zu tun.Aus irgendeinem Grund habe ich erst jetzt wirklich realisiert, dass die ersten solistisch gesungenen Phrasen von Chlopin kommen – und er auch ganz zum Schluss auch gewissermaßen als Spielleiter (man könnte auch sagen Conferencier, Lisanne!) ganz selbstbewusst das Wort wieder ergreift, Quasimodo seine Quasimodo-Requisiten abnimmt und so das Spiel ‘Glöckner von Notre-Dame’, was in dem Moment angefangen hat, in dem sie ihm den Buckel anlegen, beendet. Solche Konstruktionen machen mich doch immer wieder sehr, sehr froh, auch weil ich ein erzählerische Distanz (“Du, sag mal, ist das jetzt deine Brechtsche Distanz?” – das hab leider nicht ich gesagt…ich find’s trotzdem lustig) ganz toll finde – und da bin ich in diesem Inszenierung nunmal sehr richtig.

und Theatermomente
Das ist jetzt auch nicht das große Geheimnis, das hier entdeckt wird – es ist ja auch schon in meinem ersten Artikel zu dieser Produktion deutlich geworden. Aber ich konnte bei meinem zweiten Besuch genauer lokalisieren, wo das, was ich Theatermoment nenne, anfängt – und das ist tatsächlich viel früher der Fall als ich bis jetzt gedacht habe. Diese Inszenierung braucht nicht einmal diese sprossenwand-artigen Holzrequisiten, die Turmgeländer, Pufftür oder Gefängniszelle sein können. Der ‘einfachste’, wenn man so will ‘spießgste’ – und vielleicht gerade deshalb so befriedigende – Theatermoment wird gewissermaßen PERMANENT erzeugt, nämlich indem die Erzählerstimmen wechseln, sich ablösen (auch in der Bewegung im Raum, übrigens) und die Geschichte so vor uns, dem Publikum, ausbreiten und es uns so möglich machen in die Handlung rein- und dann wieder rauszuzoomen (und ganz nebenbei wäre die Erzählstruktur ein Paradebeispiel für Gerard Genette mit seinen verschieden Zeitformen des Erzählens….).

Diese Produktion ist ein Ensemble-Stück par excellence
Ich weiß, letzte Woche habe ich vor allem von zwei Herren geschrieben, die mich wahnsinnig beeindruckt haben – und das hat sich beim zweiten Besuch nicht geändert…eher im Gegenteil. Allerdings fällt bei genauerem Hinsehen relativ schnell auf, dass diese Menschen nur so scheinen können (“All you really have to do is shine” as Mrs. Wilkinsons aus Billy Elliot sings…), weil sie über diesem eng gewebten Netz aus Ensembleaktion schweben. Das ist natürlich besonders augenscheinlich in Momenten, in denen Kollegen einander tatsächlich Hilfestellung geben oder als Sicherheit da sind (Sprünge, Hebungen, ‘Stunts’ etc), allerdings sind sie auch vor allem durch die Auflösung der Wasserspeier in das Ensemble immer auch quasi-solistisch präsent, wenn es eigentlich ganz kleine, intime Szenen sind.
Also: Brava, Ensemble, brava! (as Seth Rudetzky would put it)

auch in solchen GIGANTISCHEN Produktionen gibt es bessere….und schlechtere Vorstellungen
Ich hab ja damals (2010….uaaaaah) noch angefangen unter Erika Fischer-Lichte zu studieren und ich glaube, wir können alle von damals noch herunterbeten, dass ja jede Aufführung tatsächlich einzigartig ist durch die autopoietische Feedbackschleife, durch die Energien, die sich gewissermaßen zwischen Bühnen. und Zuschauerraum (so denn eine klare Trennung tatsächlich möglich ist) und natürlich auch durch die jeweils eigene Disposition während der Aufführung. Gerade bei so großen Produktionen, in denen es unter Umständen manchmal auch einfach darum gehen kann, alle Markierungen zu treffen, alle Schritte zu erinnern und zur richtigen Zeit das richtige Requisit dabei zu haben, neigt man immer wieder dazu eben das zu vergessen – ich auch, obwohl die Kategorien “gute Vorstellung” und “schlechte Vorstellung” tatsächlich in meinem täglichen Leben im Repertoirebetrieb vorkommen. Wahrscheinlich macht eben diese Leugnung von Tagesform, Energiedifferenzen und autopoietischer Feedbackschleife (ich geb’s zu, ich wollt’s einfach nochmal schreiben…) die Einteilung zwischen ‘tatsächlichem Theater’ (dem ernsten Theater, das, was WIRKLICH relevant ist…Ironie…) und “Kunst als Objekt kapitalistischer Spekulationen, als Ware”,* als die wir Musical-Großproduktionen wahrzunehmen scheinen, so einfach. Aber so ist das nicht. Ich weiß nicht genau warum, was da passiert ist – es lag schließlich weniger als eine Woche zwischen meinen beiden Besuchen – die zweite Vorstellung erschien mir eindeutig konzentrierter, wacher und deshalb auch präsenter, mit mehr Sendungsbewusstsein und NOCH mehr erzählerischem Potenzial. Und dass ich mit diesem Eindruck nicht allein bin, beweist mir in solchen Momenten immer meine Mutter, die mit mir zwar über die Jahre schon durch eine harte Schule der ewigen Theaterbegleiterin einer Tochter in verschiedenen Stadien der Professionalisierung gegangen ist, sich aber eine gewisse Unbedarftheit bewahrt hat – sie drehte sich in der Pause zu mir um und sagte: “Heute ist es irgendwie [noch] besser als letzte Woche.”

Bin ich allein mit meiner Vorliebe dafür, Produktionen / Inszenierungen durchaus mehrfach anzusehen? Beim Glöckner hat sich mein Eindruck jetzt nicht grundlegend geändert – obwohl das auch manchmal beim mehrmaligen Zusehen der Fall sein kann.

Ist euch das auch schon einmal passiert?

*dieses Zitat ist leider nicht von mir, sondern wird sinngemäß so von Thomas Siedhoff im Vorwort zu seinem “Handbuch des Musicals. Die wichtigsten Titel von A bis Z” (Mainz, 2007) erläutert.

#MusicMonday … Jericho

Long time no #MusicMonday, right?

Dabei hat mir das Ausgraben bzw. Entdecken von neuer Musik, neuen Youtube-Clips immer Spaß gemacht – nicht zuletzt auch, weil es meinen eigenen Horizont immer wieder erweitert hat.

Über das heutige Video bin ich gestolpert, als ich vor einiger Zeit von Video zu Video von/mit Performances von Kerstin Anderson gehüpft bin. Sie wiederum habe ich als Villa in Ryan Scott Olivers Konzertfassung von “We foxes” via Youtube kennen gelernt und dann…naja…wie es halt so geht: eins kommt zum anderen und dann vergisst die automatische Wiedergabe des nächsten Videos auszustellen und dann kommt man zum heutigen Video.

Abgesehen, dass ich voll auf die Ästhetik stehe zwischen geringer Tiefenschärfe, den großen Glühlampen an der Lichterkette, die Klavierbegleitung…der Song holt mich auch ein bisschen in der meiner Bibel-Nerdigkeit ab, die noch aus meiner Hebräisch-Lern-Zeit übrig geblieben ist – auch wenn Jericho wohl eher aufs neue Testament anspielt und deshalb nicht so viel mit Bibelhebräisch zu tun hat. Klickt man sich auf dem Youtube-Kanal des Komponisten Ethan Carlson weiter, findet man auch noch eine andere biblisch inspirierte Songs – Jericho ist dabei einer meiner Favoriten, gemeinsam mit dem (bei einem Konzert ebenfalls von Kerstin Anderson gesungenen) Nazareth…anscheinend neige ich hier zu Songs, die nach Städten im Nahen Osten mit nicht ganz unproblematischer Geschichte benannt sind. 🙂

Viel Spaß beim Hören und einen guten Start in die neue Woche!


This week my song for #MusicMonday is Ethan Carlson’s Jericho, sung by Kerstin Anderson in this gloriously aesthetic video. You can also check out his other bible-inspired songs on his Youtube-channel, one of my other favourites definitely is Nazareth.

Have an amazing week and happy listening.

#FavouriteFriday – Musikimport

Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812

Wenn ich meinen Soundtrack des Sommers beschreiben müsste, würde ich sagen: Natasha, Pierre & the Great Comet, Hunchback of Notre-Dame und Georgia Stitt gewürzt mit einer großen Prise Dear Evan Hansen und “One Day” aus Groundhog Day.

Ich habe mich während der Off-Broadway-Spielzeit nicht besonders für Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812 interessiert – zum großen Teil, weil ich einfach nicht wusste, was sich hinter diesem Titel verbrigt. (Schuldig im Sinne der Anklage!) Und dann hat’s mich auf meiner Fahrt aus Wiesbaden nach Berlin einfach eingeholt.

Wenn ich ganz ehrlich bin, gewinnt der Score schon in dem Moment, in dem man mir als erste gesungene Worte des Stücks “There’s a war going on out there somewhere – and Andrej isn’t here” präsentiert. Like: Ok, I don’t know anything about Andrej, but apparently he isn’t here” – das ist schon wieder ganz mein Humor. Was sich im Anschluss an diese Zeile entfaltet, ist quasi eine Tolstoi-Extravaganza: Es wird Krieg und Frieden, das Monster-Werk der russischen Literatur, verhandelt (“It’s a complicated Russian novel, everyone has got nine different names” – auch hier wieder: mein Humor). Es wird viel gelitten, euphorisch geliebt und dramatisch intrigiert.

Neulich habe ich in diesem Artikel in der New York Times gelesen, dass The Great Comet eindeutig auf der Bühne besser sei als auf CD, und das glaube ich tatsächlich auch – zumal ich vergangenen Sommer Rachel Chavkin’s Inszenierung Hadestown am New York Theatre Workshop habe sehen können und ihre Arbeiten anscheinend gern die traditionelle Trennung von Bühnen- und Zuschauerraum auflösen. Wenn ich mir jetzt quasi versuche, Hadestown in den Dimensionen des Imperial Theatre mit weniger antik-griechischem, dafür mehr 19. Jahrhundert-russischem Drama vorzustellen – HALLELUJA, YES PLEASE!

Dennoch finde ich die CD auch ohne Bühnenspektakel ganz ganz großartig, man kann sie tatsächlich auch gut beim Sport hören (und wenn wir Showtunes-Kinder ehrlich sind, ist das das einzige, was zählt…kleiner Scherz) und “Dust and Ashes”, in dem Pierre seine Suche nach dem Sinn des Lebens artikuliert, hat schon einmal dafür gesorgt, dass ich vor dem Konservenregal im Edeka anfangen musste zu weinen (das ist KEIN Scherz).

der beste Einstieg: man mag es kaum glauben, aber es ist tatsächlich der Prolog.
Was man unbedingt hören muss, wenn man keine zwei Stunden Zeit es, es einmal komplett zu hören: Natasha & Bolkonskys, Dust and Ashes, The Ball, Letters, Preparations, Pierre & Natasha
die Nebenwirkungen: man will irgendwie dann plötzlich “Krieg und Frieden” lesen – ich ‘musste’ zumindest in meinem Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte die neue deutsche Übersetzung kaufen. Nur leider schlafe ich immer ein.

Draußen!

über Disney’s Der Glöckner von Notre Dame in Berlin

Mit diesem Stück habe ich mich glaub ich so um 2005 zum ersten Mal geärgert. Nämlich darüber, dass ich es in seiner Uraufführungsspielzeit im Theater am Potsdamer Platz nicht gesehen habe. 1999 war ich 8 und 2002 11 Jahre alt und somit war Der Glöckner von Notre-Dame irgendwie das erste Stück, dass ich rückblickend RICHTIG KNAPP verpasst hab.

Komischerweise resultierte das nicht in einer totalen (Pubertäts-)Obsession, die kam erst leicht abgemildert, als 2014/15 in den USA das Quasi-Revival gefeiert wurde, nur um dann NICHT an den Broadway transferiert zu werden.

Letzten Sommer wurde dann die aktuelle Produktion für Deutschland angekündigt – in meiner Heimatstadt! – und ich zog nach Wiesbaden. Egal, denn nun hab ich’s endlich nachgeholt.

Viele Leute haben nach dieser Premiere inzwischen viel geschrieben über dieses Stück, und deshalb mag ich gar nicht so alles durchhecheln, sondern ‘nur’ über die Dinge sprechen, die besonders beeindruckend waren und die mich nun einmal mehr zuversichtlich in die Zukunft dieses Genres gucken lassen.

Letztes Jahr beendete ich meine Masterarbeit sinngemäß mit der Frage, was passieren würde, wenn wir Musical-Inzenierung egal welcher coleur und egal welchen Bugets politisches Potenzial zutrauen würden – und mit der Aufforderung, das auch zu tun (ob meine Betreuerinnen, die einzigen Leserinnen bisher, das jetzt tun, ist anzuzweifeln…). Und als ich nun am Samstag im Publikum saß und das Treiben auf der Bühne beobachtete, dachte ich mir: YES! Lasst uns das mal wirklich tun!

Denn gerade bei diesen Mega-Produktionen in den “Kommerztempeln” (so ein wörtliches Zitat einer meiner Dozentinnen aus dem Masterstudium…) ist es leicht, auf Bespaßung zu setzen, auf die totale Illusion und auf Knalleffekte, Trickkostüme, Bühnenverwandlung an Bühnenverwandlung. Und das wird ja auch häufig, gut und gern getan.

Scott Schwartz, der Regisseur, hat sich hier allerdings auf das genaue Gegenteil gestürzt: wir bekommen hier quasi den Vorgang des Erzählens selbst zu Gesicht, wir lernen, wie Geschichte(n) geschrieben wird, und so lernen wir auch, das Inkonsistente, das Konstruierte und das Uneindeutige der Figuren zu sehen. Indem reihum Ensemblemitglieder in (Teil-)Sätzen erzählende Passagen sprechen, indem sie zwischen Quasimodos ‘Freunden’ aus Stein und der Bevölkerung Paris’ wechseln, die jeweils nur eine Mönchskutte voneinander entfernt sind, knüpft das Stück hier an eine frühe Tradition der mündlichen Überlieferung an: vielstimmige Erzähler machen mit Worten Geschichten größer, kleiner, detailreicher oder abstrakter – und konstruieren so die Geschichte(n) und ihre Figuren immer ein bisschen neu.

Überhaupt steht Konstruktion im Mittelpunkt dieser Inszenierung. Das Prozesshafte der Erschaffung von Figuren, Charakteren und Persönlichkeiten wird uns hier immer und immer wieder vor Augen geführt – und wirft uns so auch zwangsläufig die eigenen Konstruiertheit und Performanz der eigenen Identität (ja, ja, Lisanne, du kleiner Butler-Nerd, ist gut!) zurück. Nicht zuletzt steht hier auch immer wieder Behinderung und Behindertsein als etwas, das ausschließlich oder zumindest zu einem großen Teil im Verhältnis bzw. in Abgrenzung zu einer Mehrheitsgesellschaft existiert, im Mittelpunkt. Sei es, dass Quasimodo als normaler Menschen auftritt und auf offener Bühne erst zum Buckligen, Deformierten gemacht wird, oder am Schluss alle ‘irgendwie Quasimodo’ werden, dass es einen deutlichen Unterschied gibt, ob Quasimodo mit sich selbst oder mit anderen spricht: Behinderung und Deformation sind hier Eigenschaften, die wie alle anderen Abgrenzungs-Eigenschaften (‘Zigeuner’-Sein, Soldat-Sein, Kirchenmann-Sein),  vor allem durch Zuschreibungen und Wiederholung aus allen Richtungen existieren. Durch diese stetige Neu- und Wiedererzählung der Charaktere, von Gut und Böse bleibt die Produktion auf einer Meta-Ebene ständig in der Schwebe – auch wenn natürlich (auch für mich) eindeutig klar ist, bei wem die Sympathien liegen.

Der ‘neue Glöckner’ hat mich ganz persönlich vor allem auf einer intellektuellen Ebene abgeholt und befriedigt hat, der Produktion ist anzusehen, dass sie durchdacht ist, dass die den Figuren und dem theatralen Erzählen an sich traut und damit schließlich auch, dass sie dem Publikum zutraut, einer erzählten Handlung im Erzählen zu folgen, aus der sich dann schon fast episodenhaft die einzelnen Szenen herausschälen.

Weil ich nun aber trotzdem nicht drum herum komme(n will), auch etwas über die Menschen auf der Bühne zu schreiben, hier in aller Kürze: Es können vor allem die Herren überzeugen, allen voran Felix Martin als Frollo und David Jakobs als Quasimodo. Beide habe ich schon häufiger und in diversen Rollen auf diversen Bühnen gesehen (David Jakobs u.a. als ich sechs Wochen lang die Gärtnerplatz-Produktion von Hair als Dramaturgie-Hospitantin beobachtete), hier beide haben es auch hier wieder geschafft, mich zu überraschen, zu beeindrucken und zu berühren – wenn man so will an unterschiedlichen Enden der Sympathie-Skala.

Wobei – im Grunde steht auch diese Zuordnung mit dieser Produktion irgendwie in der Schwebe. Und das ist doch ziemlich angenehm.

“If I didn’t believe in you…”

After my recent move across the country from Berlin to Wiesbaden I was kind of a musical-orphan.

Not that Berlin is an El Dorado for musical folks. But….well….Wiesbaden. 😉

Anyway when my long time internet friend Niklas from Theaterdistrikt texted me about 2 weeks ago if I wanted to try and get a ticket for the opening of “The Last 5 Years” produced by The Musical Season I was all like: “Hell yeah!”

Not only was I really in the mood for meeting new people (Niklas! Hey!) in real life, but in case you haven’t noticed: I’m a really big fan of anything Jason Robert Brown. From Parade to Bridges including The Trumpet of the Swan, you name it, I love it. Especially The Last 5 Years is one of my all time favourites. This show has been in my life for more than 8 years now and I habe always loved it. Mostly for the concept, but also for the lyrics, for the way the lyrics and the music play with each other and for the way Cathy has the hard job of being not too whine-y in the beginning or the whole evening will be a desaster. I own 4 different recordings of this show (original off-broadway, German, revival off-broadway, movie) and I’ve seen the movie a couple of times (THE SCHMUEL SONG, everybody!).

Almost 5 years ago on this day (Timehop just reminded me of that) I saw a production of it in Chemnitz and now Frankfurt was my second live experience. And while this Frankfurt production was not flawless in every department I loved every second of it. And here’s why:

  1. the stage:  black box, two benches. The musicians spread out over all three wall of the stage. From the walls and the ceiling hanging all kinds of things that make up our lives, our memories, our relationships. Keeping it simple, keeping in real – and a black box can mean the world.
  2. the staging: again. keepin’ it simple. There were a couple of dance moves (The Next Ten Minutes…mostly because – I believe – dancing is easier to ‘rewind’ for the second half of the song than normal movement), but it was best without. After all The Last 5 Years is about people. And about all of the things that can go wrong between them. Yes, there ARE costum-changes, a lot of them, but in these costumes you can always see the characters growing older or younger.
  3. the actors: while the impression these two leave is influenced by the biggest flaw of the opening night (memorizing the lyrics….), Hannah Grover and Andy Coxon manage to take us along on the journey their characters go on. Being alone on stage predenting to have a partner is one of the harder parts of this show and while you deeply understand both sides of the story. Both manage super well with the music (luckily music and lyrics can be two very different things) and small theatres have this amazing things where you sometimes can feel their singing in addition to just hearing it.
  4. the idea: The Musical Season went out to produce smaller scale shows in their original (English) language, bringing Off-Broadway or the West End equal of that to Frankfurt, staging high quality theatre without the big bucks in mind or in the background. Starting with enthusiasm and love for theatre and in a way…sharing their love with us. While we have a well developed off-Scene for most theatrical genres Musical is missing an off-vibe for the most part. This is why the idea behind The Musical Season is very, very welcome to my theatre-world. 😉

It would be amazing to see which show they (HOPEFULLY) conquer next, I most definitely have suggestions. Plus: Seeing this has fueled my own Musical theatre mojo again. Now I only have to find the time and the brain space to sit down and work on some stuff. (YAY)

To those who are still on the fence about whether they should go or not: I was given a free ticket because I work in theatre business. But I was so moved and amazed by the performance and the initiave I simple HAD to donate the money I would gladly have spent on a Steuerkarte. And this, my friends, is the highest thing you could achieve in my books.