Month: July 2017

#MusicMonday … Jericho

Long time no #MusicMonday, right?

Dabei hat mir das Ausgraben bzw. Entdecken von neuer Musik, neuen Youtube-Clips immer Spaß gemacht – nicht zuletzt auch, weil es meinen eigenen Horizont immer wieder erweitert hat.

Über das heutige Video bin ich gestolpert, als ich vor einiger Zeit von Video zu Video von/mit Performances von Kerstin Anderson gehüpft bin. Sie wiederum habe ich als Villa in Ryan Scott Olivers Konzertfassung von “We foxes” via Youtube kennen gelernt und dann…naja…wie es halt so geht: eins kommt zum anderen und dann vergisst die automatische Wiedergabe des nächsten Videos auszustellen und dann kommt man zum heutigen Video.

Abgesehen, dass ich voll auf die Ästhetik stehe zwischen geringer Tiefenschärfe, den großen Glühlampen an der Lichterkette, die Klavierbegleitung…der Song holt mich auch ein bisschen in der meiner Bibel-Nerdigkeit ab, die noch aus meiner Hebräisch-Lern-Zeit übrig geblieben ist – auch wenn Jericho wohl eher aufs neue Testament anspielt und deshalb nicht so viel mit Bibelhebräisch zu tun hat. Klickt man sich auf dem Youtube-Kanal des Komponisten Ethan Carlson weiter, findet man auch noch eine andere biblisch inspirierte Songs – Jericho ist dabei einer meiner Favoriten, gemeinsam mit dem (bei einem Konzert ebenfalls von Kerstin Anderson gesungenen) Nazareth…anscheinend neige ich hier zu Songs, die nach Städten im Nahen Osten mit nicht ganz unproblematischer Geschichte benannt sind. 🙂

Viel Spaß beim Hören und einen guten Start in die neue Woche!


This week my song for #MusicMonday is Ethan Carlson’s Jericho, sung by Kerstin Anderson in this gloriously aesthetic video. You can also check out his other bible-inspired songs on his Youtube-channel, one of my other favourites definitely is Nazareth.

Have an amazing week and happy listening.

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#FavouriteFriday – Musikimport

Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812

Wenn ich meinen Soundtrack des Sommers beschreiben müsste, würde ich sagen: Natasha, Pierre & the Great Comet, Hunchback of Notre-Dame und Georgia Stitt gewürzt mit einer großen Prise Dear Evan Hansen und “One Day” aus Groundhog Day.

Ich habe mich während der Off-Broadway-Spielzeit nicht besonders für Natasha, Pierre & the Great Comet of 1812 interessiert – zum großen Teil, weil ich einfach nicht wusste, was sich hinter diesem Titel verbrigt. (Schuldig im Sinne der Anklage!) Und dann hat’s mich auf meiner Fahrt aus Wiesbaden nach Berlin einfach eingeholt.

Wenn ich ganz ehrlich bin, gewinnt der Score schon in dem Moment, in dem man mir als erste gesungene Worte des Stücks “There’s a war going on out there somewhere – and Andrej isn’t here” präsentiert. Like: Ok, I don’t know anything about Andrej, but apparently he isn’t here” – das ist schon wieder ganz mein Humor. Was sich im Anschluss an diese Zeile entfaltet, ist quasi eine Tolstoi-Extravaganza: Es wird Krieg und Frieden, das Monster-Werk der russischen Literatur, verhandelt (“It’s a complicated Russian novel, everyone has got nine different names” – auch hier wieder: mein Humor). Es wird viel gelitten, euphorisch geliebt und dramatisch intrigiert.

Neulich habe ich in diesem Artikel in der New York Times gelesen, dass The Great Comet eindeutig auf der Bühne besser sei als auf CD, und das glaube ich tatsächlich auch – zumal ich vergangenen Sommer Rachel Chavkin’s Inszenierung Hadestown am New York Theatre Workshop habe sehen können und ihre Arbeiten anscheinend gern die traditionelle Trennung von Bühnen- und Zuschauerraum auflösen. Wenn ich mir jetzt quasi versuche, Hadestown in den Dimensionen des Imperial Theatre mit weniger antik-griechischem, dafür mehr 19. Jahrhundert-russischem Drama vorzustellen – HALLELUJA, YES PLEASE!

Dennoch finde ich die CD auch ohne Bühnenspektakel ganz ganz großartig, man kann sie tatsächlich auch gut beim Sport hören (und wenn wir Showtunes-Kinder ehrlich sind, ist das das einzige, was zählt…kleiner Scherz) und “Dust and Ashes”, in dem Pierre seine Suche nach dem Sinn des Lebens artikuliert, hat schon einmal dafür gesorgt, dass ich vor dem Konservenregal im Edeka anfangen musste zu weinen (das ist KEIN Scherz).

der beste Einstieg: man mag es kaum glauben, aber es ist tatsächlich der Prolog.
Was man unbedingt hören muss, wenn man keine zwei Stunden Zeit es, es einmal komplett zu hören: Natasha & Bolkonskys, Dust and Ashes, The Ball, Letters, Preparations, Pierre & Natasha
die Nebenwirkungen: man will irgendwie dann plötzlich “Krieg und Frieden” lesen – ich ‘musste’ zumindest in meinem Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte die neue deutsche Übersetzung kaufen. Nur leider schlafe ich immer ein.

Draußen!

über Disney’s Der Glöckner von Notre Dame in Berlin

Mit diesem Stück habe ich mich glaub ich so um 2005 zum ersten Mal geärgert. Nämlich darüber, dass ich es in seiner Uraufführungsspielzeit im Theater am Potsdamer Platz nicht gesehen habe. 1999 war ich 8 und 2002 11 Jahre alt und somit war Der Glöckner von Notre-Dame irgendwie das erste Stück, dass ich rückblickend RICHTIG KNAPP verpasst hab.

Komischerweise resultierte das nicht in einer totalen (Pubertäts-)Obsession, die kam erst leicht abgemildert, als 2014/15 in den USA das Quasi-Revival gefeiert wurde, nur um dann NICHT an den Broadway transferiert zu werden.

Letzten Sommer wurde dann die aktuelle Produktion für Deutschland angekündigt – in meiner Heimatstadt! – und ich zog nach Wiesbaden. Egal, denn nun hab ich’s endlich nachgeholt.

Viele Leute haben nach dieser Premiere inzwischen viel geschrieben über dieses Stück, und deshalb mag ich gar nicht so alles durchhecheln, sondern ‘nur’ über die Dinge sprechen, die besonders beeindruckend waren und die mich nun einmal mehr zuversichtlich in die Zukunft dieses Genres gucken lassen.

Letztes Jahr beendete ich meine Masterarbeit sinngemäß mit der Frage, was passieren würde, wenn wir Musical-Inzenierung egal welcher coleur und egal welchen Bugets politisches Potenzial zutrauen würden – und mit der Aufforderung, das auch zu tun (ob meine Betreuerinnen, die einzigen Leserinnen bisher, das jetzt tun, ist anzuzweifeln…). Und als ich nun am Samstag im Publikum saß und das Treiben auf der Bühne beobachtete, dachte ich mir: YES! Lasst uns das mal wirklich tun!

Denn gerade bei diesen Mega-Produktionen in den “Kommerztempeln” (so ein wörtliches Zitat einer meiner Dozentinnen aus dem Masterstudium…) ist es leicht, auf Bespaßung zu setzen, auf die totale Illusion und auf Knalleffekte, Trickkostüme, Bühnenverwandlung an Bühnenverwandlung. Und das wird ja auch häufig, gut und gern getan.

Scott Schwartz, der Regisseur, hat sich hier allerdings auf das genaue Gegenteil gestürzt: wir bekommen hier quasi den Vorgang des Erzählens selbst zu Gesicht, wir lernen, wie Geschichte(n) geschrieben wird, und so lernen wir auch, das Inkonsistente, das Konstruierte und das Uneindeutige der Figuren zu sehen. Indem reihum Ensemblemitglieder in (Teil-)Sätzen erzählende Passagen sprechen, indem sie zwischen Quasimodos ‘Freunden’ aus Stein und der Bevölkerung Paris’ wechseln, die jeweils nur eine Mönchskutte voneinander entfernt sind, knüpft das Stück hier an eine frühe Tradition der mündlichen Überlieferung an: vielstimmige Erzähler machen mit Worten Geschichten größer, kleiner, detailreicher oder abstrakter – und konstruieren so die Geschichte(n) und ihre Figuren immer ein bisschen neu.

Überhaupt steht Konstruktion im Mittelpunkt dieser Inszenierung. Das Prozesshafte der Erschaffung von Figuren, Charakteren und Persönlichkeiten wird uns hier immer und immer wieder vor Augen geführt – und wirft uns so auch zwangsläufig die eigenen Konstruiertheit und Performanz der eigenen Identität (ja, ja, Lisanne, du kleiner Butler-Nerd, ist gut!) zurück. Nicht zuletzt steht hier auch immer wieder Behinderung und Behindertsein als etwas, das ausschließlich oder zumindest zu einem großen Teil im Verhältnis bzw. in Abgrenzung zu einer Mehrheitsgesellschaft existiert, im Mittelpunkt. Sei es, dass Quasimodo als normaler Menschen auftritt und auf offener Bühne erst zum Buckligen, Deformierten gemacht wird, oder am Schluss alle ‘irgendwie Quasimodo’ werden, dass es einen deutlichen Unterschied gibt, ob Quasimodo mit sich selbst oder mit anderen spricht: Behinderung und Deformation sind hier Eigenschaften, die wie alle anderen Abgrenzungs-Eigenschaften (‘Zigeuner’-Sein, Soldat-Sein, Kirchenmann-Sein),  vor allem durch Zuschreibungen und Wiederholung aus allen Richtungen existieren. Durch diese stetige Neu- und Wiedererzählung der Charaktere, von Gut und Böse bleibt die Produktion auf einer Meta-Ebene ständig in der Schwebe – auch wenn natürlich (auch für mich) eindeutig klar ist, bei wem die Sympathien liegen.

Der ‘neue Glöckner’ hat mich ganz persönlich vor allem auf einer intellektuellen Ebene abgeholt und befriedigt hat, der Produktion ist anzusehen, dass sie durchdacht ist, dass die den Figuren und dem theatralen Erzählen an sich traut und damit schließlich auch, dass sie dem Publikum zutraut, einer erzählten Handlung im Erzählen zu folgen, aus der sich dann schon fast episodenhaft die einzelnen Szenen herausschälen.

Weil ich nun aber trotzdem nicht drum herum komme(n will), auch etwas über die Menschen auf der Bühne zu schreiben, hier in aller Kürze: Es können vor allem die Herren überzeugen, allen voran Felix Martin als Frollo und David Jakobs als Quasimodo. Beide habe ich schon häufiger und in diversen Rollen auf diversen Bühnen gesehen (David Jakobs u.a. als ich sechs Wochen lang die Gärtnerplatz-Produktion von Hair als Dramaturgie-Hospitantin beobachtete), hier beide haben es auch hier wieder geschafft, mich zu überraschen, zu beeindrucken und zu berühren – wenn man so will an unterschiedlichen Enden der Sympathie-Skala.

Wobei – im Grunde steht auch diese Zuordnung mit dieser Produktion irgendwie in der Schwebe. Und das ist doch ziemlich angenehm.