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Vielleicht können wir zu dritt glücklich sein.

Sorry, English speaking folks! Once more a German-only post….
Nach dem gestrigen #MusicMonday zum Thema “Lotte in Wetzlar” kommen hier nun meine Gedanken zu meinem Freilichtabend in Wetzlar vor anderthalb Wochen.

Disclaimer: Ich weiß auch nicht, warum ich die ganze Zeit so bissig bin. #sorrynotsorry

Vor anderthalb Wochen während meiner latent absurden “4 Städte in 4 Tagen”-Reise war auch einer der Zwischenstops die deutsche Stadt mit dem wunderbare deutschen Namen Wetzlar, wo ich das neue (deutsche) Musical “Lotte” (Buch u. Liedtexte: Kevin Schroeder, Musik: Marian Lux, dramaturgische Mitentwicklung u. Regie: Christoph Drewitz) ansehen konnte.

Als die drei Herren der Schöpfung (haha, Witz!) samt Oliver Arno (Werther) und Anne Hoth (Lotte) bei der letzten Ausgabe der Schreibmaschine in Berlin ein paar Songs vorgestellt haben, waren genau diese Stücke bei uns noch Tage später Thema. Ich meine mich an WhatsApp-Nachrichten zu erinnern, die lediglich “O M G Lotte!!” hießen.

Und ich hoffe mir einbilden zu dürfen, dass das ein Phänomen war, das auf noch weitere damals anwesende Personen ausgedehnt war. Wie dem auch sei…

Ich bin kein großer Goethe-Fan und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich “Die Leiden des jungen Werther” – worauf “Lotte” basiert – nie gelesen habe. Irgendwann kam es mir ab einem bestimmten Punkt in meinem Leben seltsam vor, ein so  furchtbar männliches Buch zu lesen. Und genau das war ein Grund, warum ich die Idee, uns die andere (d.h. auch die weibliche!) Seite dieser Briefe zu zeigen, für ziemlich, ziemlich gut hielt.

Was mir schon damals bei der kleinen Kostprobe im April aufgefallen war, ist die Konsistenz und damit irgendwie auch Kohärenz der Musik, wie ich sie irgendwie in den letzten Jahren in deutschen Musicals vermisst habe, wenn es für die Stücke überhaupt Original-Musiken gab. Irgendwie hatte ich in vielen Produktionen häufig das Gefühl, dass eher Stationen abgeschitten werden – musikalisch gesehen. Bei “Lotte” – wie sich dann auch wirklich in der Produktion zeigt – gehen Ideen durch musikalische Formen, am augenscheinlichsten ist das hier bei “Willkommen in Wetzlar”, was gewissermaßen auf einer Metaebene Stadt- und Landesgeschichte erzählt und so die Geschichte von Lotte, Werther und Albert auch immer wieder zurückbindet an ihren zeitlichen und örtlichen Zusammenhang. Die Musik scheint hier immer eine dramaturgische Notwendigkeit zu haben und auch abseits der Textebene als Musik zu funktionieren – was aus (einer klassischen) Musiktheatersicht nach einer totalen Selbstverständlichkeit klingt, scheint im Musical nicht besonders häufig Konsens zu sein…

Musik und Text sind hier häufig eine Einheit und auch wenn ich deutsch nach wie vor nicht für die allerbeste Sprache für’s Singen halte (und damit wahrscheinlich eher nicht allein bin) funktioniert es hier für mich ziemlich gut. Vor allem weil ich Kevin Schroeders Übersetzungen aus dem Englischen sehr mag und die Texte zu “Die Tagebücher von Adam und Eva” ja schon sehr lustig und auf den Punkt sind, war es schön, einmal (wieder) originale Texte von ihm zu hören.

Auf der Lotte-Website schreiben die Wetzlarer Festspiele:

Eine Verlegung in die Stadthalle würde dem Musical nicht gerecht werden. Der Zauber des Aufführungsortes, der in dieser Inszenierung eine maßgebliche Komponente ist, ginge verloren und würde bei Zuschauern wie auch Akteuren zu Enttäuschungen führen. (http://lotte-wetzlar.de/veranstaltung-tickets/bei-regen.html)

Und bevor ich irgendetwas anderes zur Inszenierung schreibe, sage ich: JA! Das Draußen wohnt dieser Inszenierung so sehr inne, dass eine Einrichtung dieser Produktion in einen (Mehrzweck)Raum so ziemlich alles verloren gehen lassen würde, was sie hat. Nicht, dass der Open-Air-Aspekt die einzige Komponente der Produktion ist, viel mehr spielt sie mit einer Mischung aus allen Gegebenheiten im Lotte-Hof: Es wird nicht nur auf der leicht erhöhten Fläche gespielt, die irgendwie wie eine Bühne aussieht und dazu auch noch direkt gegenüber der Zuschauerbestuhlung ist. Die Band sitzt unter Marktständen an der Seite und wird auch immer mal wieder mit”bespielt” – vor allem, wenn das Geschehen eben vom zentralen Platz herunterzieht und sich den Raum immer weiter erobert. Während des Schauens hat sich bei mir der Eindruck eingeschlichen, dass diese Inszenierung sehr filmisch ist ohne jede Art von technischem Schnick-Schnack. Während man in festen Häusern ja durch fahrende Wände und Trennelemente aus dem Schnürboden recht leicht Zoom-Effekte erzeugen und die Konzentration auf etwas Bestimmtes lenken kann, arbeitet Christoph Drewitz scheinbar “einfach” mit der Entfernung der Spielenden zum Zuschauenden. So hat sich bei mir vor allem die Erinnerung an die Szene unmittelbar im Anschluss an das oben verlinkte Lied am Ende des 1. Akts: Es kommt zwischen Lotte und Werther zur Überschreitung der “Anstandsgrenze” und wir erleben vor allem diesen ersten Kuss zwischen den beiden so deutlich als Zuschauer – wir werden auf die Position gewiesen, weil sich die beiden verhältnismäßig weit weg befinden, nämlich auf der Wiese links neben der “Bühne”. Gleichzeitig sind wir aber auch extrem nah dran, eben weil wir vorher mitbekommen haben, was diese Figuren gerade für Probleme haben. Dadurch stellt sich der Effekt ein, den es hätte, wenn man ganz schnell mit der Kamera auf einen Punkt zufahren und gleichzeitig rauszoomen würde – so, wie die Vertigo-Effekte im gleichnamigen Film. (das ist das einzige, was ich über Filme weiß…)

Allerdings: Was mich von allem an diesem Abend am glücklichstens gemacht hat, war das Augenzwinkern, das über weite Strecken die Farbe des Stücks wie auch der Inszenierung bestimmt. Vielleicht sehe ich das auch nur überall, weil ich mich gerade mit Camp beschäftige (Susan Sonntag – not as in “I’m going to camp this summer!”) und ich das gerne überall sehen will – zu diesem Thema sage ich nur #dramaturgproblems! Diese sehr private Geschichte zwischen drei Menschen so ernst zu nehmen und dennoch die Zeit, in der sie sich (zwangsläufig?) abspielt, nicht mit historischer Folklore zu übermalen, sondern eine Gesellschaft zu zeichnen, die genauso ‘modern’ (oder unmodern) ist wie unsere und das ganze mit einem Augenzwinkern zu tun, ist nicht nur in diesem Moment und für das Genre des (historischen) Musicals erfrischend, sondern trägt auch zur Story bei.

Und schließlich zeigt sich auch wie ähnlich sich die gezeigten und die zuschauenden Menschen sind. Wenn Lotte ihre verwirrenden Gefühle Albert gegen artikuliert und die Möglichkeit wünscht/fordert/äußert, dass sie und Albert mit Werther zu dritt glücklich leben könnten.

Und das Publikum sie (in der besuchten Vorstellung) einhellig belächelt für ihre Naivität.

+++++

P. S.: Ich hab jetzt fast nichts über die Darsteller geschrieben. Mist. Sechs so wunderbare Spieler_innen, die uns die Geschichte live erzählen, von denen die drei, die nicht Lotte, Werther oder Albert spielen, so viele Rollen einehmen – auch über Geschlechter- und Altersgrenzen hinweg (Stichwort: Augenzwinkern) und so eine Welt um das disfunktionale Liebes-Dreier-Gespann erschaffen und sie auch als Menschen IN einer Gesellschaft zeigen.

P. P. S.: Ich hab ja ein Herz für so Liebesgeschichten, die zwangsläufig schief gehen müssen. Vor allem in Musicalform. Das kann man leicht an meiner Obsession für The Bridges of Madison County erkennen. Schon bei der Schreibmaschine hatte ich (vielleicht) ein Tränchen in den Augen – in Wetzlar habe ich geheult wie ein Schlosshund. Was open air im Sommer ein bisschen doof ist. Weil die anderen Menschen einen sehr viel deutlicher sehen (können) – #herzschmerz

und zuletzt: Wen müssen wir bestechen, damit wir die akustische Seite auf CD festgehalten bekommen?

4 comments

  1. Das hört sich alles richtig cool an, Lisanne!

    Ich bin auch kein großer Goethe-Fan (auch wenn Faust mir im Abi den Arsch gerettet hat) und Werther ist eine meiner ungeliebtesten Schullektüren. Trotzdem fand ich die Idee hinter dem Musical von Anfang an interessant – und Oliver Arno und Open-Air-Theater sind zwei Dinge, mit denen man mich sehr glücklich machen kann.

    Eine CD würde mich auch sehr interessieren. Ich finde es immer toll, wenn originelle neue deutsche Musicals kommen, vor allem, wenn die musikalisch so gut zu funktionieren scheinen wie Lotte.

    1. Danke dir für den Kommentar!🙂 Ich erinnere mich tatsächlich an eine Zeit, in der ich als pubertierender Mensch besessen war von “Clavigo” – frag mich nicht….Und: Ich bin eine von den Dramaturginnen, die deutsch NICHT im Abi hatten.😀 Hahah.

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