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Maybe This Time … Reflexionen zum Bad Hersfelder Cabaret

Disclaimer: Das hier ist keine Theaterkritik im herkömmlichen Sinne. Finde ich jedenfalls.

Wer mir auf anderen Social-Media-Kanälen folgt weiß, dass ich einen Hashtag meiner wunderbaren Twitter-Bekanntschaft @lippunermarc zu Cabaret-Inszenierung, die seit gefühlten 20 Jahren jeden Sommer in Berlin läuft, gewissermaßen entführt habe. Und zwar nach Hessen. Weil es dort zum allerersten Mal in meinem (Theater-)Leben hieß: Get ready to #Bjängvenü!

Ich habe nämlich eine kleine Tingelreise, die ich eh vorhatte (Ludwigsburgs – Stuttgart – Wetzlar), um einen Stop erweitert und bin von Wetzlar fast drei Stunden lang in Regionalzügen inklusive 50 Minuten Aufenthalt im sonntäglich verschlafenen Fulda nach Bad Hersfeld weitergefahren, eben um mir nun also die erste Cabaret-Inszenierung meines Lebens anzugucken (fragt mich nicht, warum ich die in Berlin noch nie gesehen hab!) und damit auch noch eine Arbeit des Regisseurs zu sehen, in dessen “Hair”-Produktion ich in der nächsten Spielzeit kurz vor meiner Masterarbeit als Dramaturgiehospitantin rumspringen werde.

Schon im Vorfeld war ich von den Bildern der Produktion begeistert und habe mal wieder sämtliche Klischees, die es vielleicht zu mir gibt, bestätigt: Gebt Lisanne etwas, in dem Gender-Bending eine Rolle spielt und/oder Geschlechterrollen flexibel ausgelegt werden, und Lisanne findet es großartig! Genau, so vorhersehbar bin ich.

Und die flexible Gestaltung von Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten ist hier Programm bis ins Innerste der Inszenierung. Wahrscheinlich, aber das ist reine Spekulation, weil ich das Stück als Stück nicht gut genug kenne, liegt die flexible Handhabung von Rollen und Rollenbildern schon im Stück begründet – das ist auch eine ganz andere Geschichte, auf die wir später kommen….

Das fängt bei der offensichtlich etwas unkonventionellen Besetzung des Conférenciers mit Helen Schneider an und zieht sich durch die immer wieder changierenden Erscheinungen der Kit-Kat-Boys und -Girls, bei “Mein Herr” sind die Boys gewissermaßen (und etwas eindeutig) halb-halb – bis hin zu Sally, die sich zum Teil in einer Art permanenten Travestie befindet, wenn sie alles, was sie trägt, einfach über ihren Club-/Arbeits-/Cabaret-Dress zieht und dabei alle althergebrachten (Geschlechter-)Konventionen hinter sich lässt: Cliffs Klamotten? Yes, please! Riesiger, weißer (hoffentlich Kunst-)Pelz? Yes. Ein ‘normales’ Kleid samt Hut für die Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schultz? YES, aber auf jeden Fall mit ‘passendem’ Makeup, sondern mit den gewohnten, schwarz überschminkten Augen, die auch zu allen anderen Kostümen da sind.

Und genau dieses Changieren, dieser Shift ist es, was auch sonst die Grundlage dieser Produktion zu sein scheint: Dinge bewegen sich leicht und leise in aus der Konvention und dem Erwartbaren hinaus, gewissermaßen aus dem Rahmen, testen über weite Strecken die Regeln und Konventionen des “deutschen Sommertheaters” aus und überschreiten sie. So schleicht sich auch die Nazi-Thematik ein. Alles ist Fun and Games, Sally kommentiert trocken ein Buch, das sie bei Cliff findet: “Mein Kampf. Uhhh, das ist ja deutsch, wie langweilig!” (aus dem Kopf, wahrscheinlich ein bisschen anders…) und dann wird das politisch-zeitliche Kolorit kaum mehr erwähnt bis das sonst häufig gestrichene Meeskite von Herrn Schultz gesungen wird, Ernst wiederum seine “Travestie” auflöst, ein Kleidungsstück auszieht und die Nazi-Uniform drunter ist – und kurz danach eine komplette Hakenkreuzflagge ausgerollt wird, bevor das Publikum in die Pause geschickt wird.

(hier schon einmal eine kurze Applauspause, dass sich hier gegen die beliebte Haltung des “Fun and Games” im Sommertheater entschieden wurde und für die gewählte Drastik des deutlichen Hakenkreuz-Banners!)

Auf einer anderen Ebene wird hier auch immer weiter (auch stückbedingt) das Vorgehen in einem Nachtclub pervertiert, “Normal” reicht nicht mehr, im Laufe des Abends wird das Spiel mit den (Gender-)Grenzen immer größer. Statt des vor allem in den 20er und 30er Jahren sehr beliebten Kribbels des Uneindeutigen und in Nachtclubzusammenhängen vor allem der Frau-zu-Mann-Travestie bzw. der Androgynität bzw. der Frauen, die dezitiert Männlichkeit performen, wird dieses Konzept innerhalb bestimmter Grenzen pervertiert und ad absurdum geführt: Ein Goriller tanzt im Kit-Kat-Club, Tänzer_innen als Charles de Gaulle und Winston Churchill maskiert tanzen um Geld und Reichtum, und schließlich eskaliert alles, als Sally (nachdem Bettina Mönch, die Bad Hersfelder Sally, ein grandioses Maybe this time hingelegt hat!) im Rausch zurückkehrt in den Kit-Kat-Club, die Schwangerschaft abbricht und zum Schluss – soweit von Fun and Games entfernt wie nur irgendmöglich – zwischen den leuchtenden Lettern B E R L I N auf der obersten Ebene des Bühnenbild-Karussels steht und uns ihr Ende, das Ende der Figur Sally Bowles, erzählt.

Der “Temperatur”-Shift deutet sich an und übernimmt dann die Kontrolle, ohne dass man es sofort bemerkt – und die Inszenierung geht auf diese Stück”vorgabe”/-lesart ein, feinfühlig und gibt uns als Zuschauer die Möglichkeit, uns immer wieder zu fragen: Wie sind wir hierher gekommen?! (und damit meine ich nicht in die Stiftsruine – zu Fuß) Die zweite große Leistung der Inszenierung, aber auch des Bühnenbilds, ist die Konzentrierung des Geschehens auf kleinsten Raum.

Vor der Vorstellung las ich im Programmheft ein Statement von Gil Mehmert, in dem er meinte, dass Cabaret sich mit der Zeit immer mehr “zum Kammerstück” entwickelt habe. Ich sah auf die Bühne, die in der Stiftsruine ja gigantisch und weitläufig ist (so sehr, dass ich immer an Schlingensief denken musste und zwar an seinen Inszenierungsbericht zum Parsifal, Stichwort: Parsifal steht hinten und winkt.), sah wieder ins Programmheft, schaute nach ob ich an dem Satz irgendetwas falsch verstanden hatte, und dachte mir kurz und sehr gemein, wie ich manchmal bin: Ha, “Kammerspiel” scheint ein dehnbarer Begriff zu sein.

Nun gut, der Witz ging auf mich, und vor allem im zweiten Teil ist der Sog, mit dem die Inszenierung das Stück und die Zuschauer_innen miteinander verzwirbelt, so stark, dass man sich auch hier immer wieder fragt: Wir sind wir hierher gekommen? Wir vergessen, wie groß die Bühne ist, sein kann, sein könnte (!) und nehmen nur diesen Raum an als Bühne, der Rest verschwindet.

Was ich mit all dem eigentlich sagen will: Gil Mehmert zeigt uns hier, dass das Stück mehr ist als Nervenkitzel des Betrachters Menschen beim Aufstieg und Fall mit dem Verruchten der späten 20er/frühen 30er Jahre gepaart vorzuführen. Stattdessen wird uns als Zuschauer die Möglichkeit gegeben, die Frage zu stellen, die 15 Jahre nach dem Setting des Musicals Deutschland prägen wird.

Wie sind wir hierher gekommen?

3 comments

  1. “Und genau dieses Changieren, dieser Shift ist es, was auch sonst die Grundlage dieser Produktion zu sein scheint: Dinge bewegen sich leicht und leise in aus der Konvention und dem Erwartbaren hinaus, gewissermaßen aus dem Rahmen, testen über weite Strecken die Regeln und Konventionen des “deutschen Sommertheaters” aus und überschreiten sie.”

    Damit bringst du diese tolle Inszenierung wirklich auf den Punkt. Danke für den tollen Bericht mit deiner sehr persönlichen Sichtweise, Lisanne!🙂 An dem ganzen Gender-Bending habe ich mich an meinem Abend in Bad Hersfeld auch von Herzen erfreut.
    Auch gefällt es mir sehr gut, wie du in deiner Reflexion immer wieder die Frage “Wie sind wir hierher gekommen?” mit einbringst.
    Und richtig cool und aufregend, dass du bald mit Gil Mehmert zusammenarbeiten und in seiner Produktion hospitieren wirst! Ich bin gespannt, was du davon berichtest!

    1. Danke für deinen Kommentar! Bei der Produktion, bei der ich hospitieren werde, kommen wirklich viele gute Sachen zusammen – ich bin vor allem gespannt auf den Dramaturgen, der ist wirklich toll und das “restliche” Dramaturgie-Kollegium auch.🙂

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