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10 Dinge, die mir die Berliner Next to Normal-Produktion (über mich) beigebracht hat

There’s also an English version of this article which can be found by clicking here – English!

  1. Wenn man Teile der Übersetzung nicht mag und sie deshalb ändert, sollte man sie wirklich zum Besseren ändern. Es ist total okay, wenn man Dinge nicht mag, auch (und vielleicht sogar vor allem) auf diese Übersetzung bezogen – wie ich ja auch schon mehrfach erwähnt hab. Und Änderungen sind auch super – sofern man immer auch die Einwilligung des Originalautors der (deutschen) Textfassung einholt, falls es sehr einschneidende Änderungen sind oder mehr als eine bestimmte Prozentzahl des Texts geändert wird (Urheberrechtsseminare, juhuu!). Andererseits ist es nicht okay, Dinge einfach nur zu ändern, weil man sie ändern möchte – man muss eine wirklich bessere Idee haben. Wenn man sich unsicher ist, ob die Idee wirklich besser ist, kann man den_die Dramaturg_in fragen.
  1. Man kann demselben Regisseur in einigen Punkten sehr zustimmen und in anderen Punkten so sehr anderer Meinung sein. Okay, das hab ich vorher gewusst – es wäre verstörend, wenn nicht, aber kaum eine (Musical)Produktion in den letzten Jahren hat mir das so deutlich gezeigt. Als ich vor knapp zwei Jahren nach Fürth gefahren bin, um mir damals die erste deutschsprachige Produktion von Next to Normal anzusehen, war ich irgendwie enttäuscht davon, wie Gabe in dieser Inszenierung zu sehen war. Für mich ist Gabe nicht der coole, liebenswerte Traumsohn. Für mich ist er böse. Sehr, sehr böse. Ich meine, wenn Diana ihre Familie verlässt, wendet er sich – als Figur jedenfalls, was das psychologisch für eine Art Traumaübertragung ist, ist eine ganz andere Geschichte – Dan zu. Wenn ich eine Produktion von Next to Normal betreuen müsste….nun gut. Thorsten Fischer, der Regisseur der Berliner Inszenierung, stellt hier Gabe wenigstens irgendwie diabolisch, ambivalent und ja, auch böse, zorning und manchmal geradezu bockig vor – was ich sehr mochte. Viele andere Dinge aber, haben mich sehr geärgert, was mich zum nächsten Punkt bringt….
  1. Kümmere dich um deine (Schau-)Spieler. Wer glaubt an einen seltsamen Zufall, dass fast keine Kritik (keine, die ich gelesen hab, jedenfalls…) über Guntbert Warns schreibt? Die Menschen, die in Berlin über Musical schreiben, scheinen einen stillen Pakt geschlossen zu haben und zu versuchen, negative Stimmen über bestimmte Mitglieder der Besetzung zu vermeiden. Das tue ich auch, es gibt mir verhältnismäßig wenig, zu schreiben: DU BIST SCHLEEEEEEEEEECHT! Allerdings: Es ist schlecht. Als ich neulich erst wieder die Broadway-Aufnahme des Stücks gehört hab, ist mir einmal mehr aufgefallen, was für eine musikalisch schöne und (NATÜRLICH!) bedeutungsvolle Partie Dan ist. Herr Warns bringt es da – leider – einfach nicht. Es wird ziemlich viel gesprochen, parlando oder rezitativisch fällt einem da zuerst ein, wenn man über seinen Gesang nachdenkt, und dann leider nur noch schlechter Gesang, was die Inszenierungen auf verschiedene Arten unterwandert. Ich habe irgendwann angefangen, das Musical Next to Normal in seinem Genre anzuzweifeln (so weit muss es erst einmal kommen!): Warum singt jemand, wenn er offensichtlich sehr viel besser sprechen kann? Wie „unnatürlich“ ist denn Musiktheater bitte? Und zumindest in der Premiere hat er für mich so unsicher und ‚unbehaglich’ (das ist ein doofes Wort, aber im englischen Original des Artikels steht uncomfortable, das ist es) gewirkt, dass ich mich wirklich gefragt habe, warum Diana Dan nicht schon viel früher verlässt. Wie auch immer, ich möchte jetzt hier nicht über Guntbert Warns ablästern oder ihn ‚mobben’. Es ist nämlich nicht seine Schuld, dass er für eine Rolle besetzt wurde, die er (stimmlich) nicht erfüllen kann. Der Regisseur und das Creative Team haben ihn besetzt. Ich glaube wirklich daran, dass man sich als Creative Team nicht nur um die Inszenierung kümmern muss, sondern auch um die (Schau-)Spieler. Und manchmal muss man sie beschützen.
  1. Wenn man ein Musical inszeniert/in den Spielplan nimmt, sag nicht, es sei ein „Schauspiel mit Musik“. Einfach nein. Vor allem nicht mit einem Stück wie Next to Normal. Und das merkt man, wenn man dem Score einmal richtig zuhört: Musik und Handlung und Dianas Geisteszustand sind hier musikalisch so sehr verschmolzen, dass es nicht mehr lustig ist. Und die E-Gitarre bei „Wish I was here“ / „Wär ich nur da“ ist da nur der Anfang….Spiel und Musik sind hier ungefähr so verstrickt wie Text und Musik bei Cole Porter Songs. Deshalb sind die auch so eine Bitch zu übersetzen. Aber das ist eine andere Geschichte.
  1. Ähnlich wie Nr. 4: Nur weil man einen Song nicht mag, heißt das nicht, dass man da durchhuschen muss („Song of Forgetting“ / „Lied vom Vergessen“, von dir rede ich – wann genau denkt Diana da nach und gräbt nach ihren Erinnerungen?)
  1. Angenommen man trifft eine künstlerische Entscheidung. Angenommen man mag das optimistische, ‚helle’ Ende nicht, das durch „Light“ / „Licht“ nahegelegt wird. Wie großartig wäre es dann zu dieser Entscheidung zu stehen? Die Spieler eine seltsame und …. unpassende Pose einnehmen zu lassen (so eine seltsame Pärchen-Pose, in der sie sich mit dem Rücken gegen seine Vorderseite lehnt und sich in seine Arme drapiert, ist doch unangebracht für eine Vater-Tochter-Kombo, oder?), dann Black für bestimmt 5 bis 10 Sekunden, alle klatschen, denken es ist zu Ende (weil: so wurde die Pause auch schon eingeläutet, plötzliches Black), dann geht das Licht wieder an und „Licht“ wird gesungen als eine Art Epilog. Was ist das? Brecht im Sinne von „Haha, wir können uns von uns selbst distanzieren?“, ein Hinweis, dass das alles „nur Theater“ ist? Das Ende vor dem Black war stark und berührend und verstörend und fast schon ein fieser Tritt in die Magengegend und dann – BOOM – haha, nur Spaß oder was? Ich bin mir verhältnismäßig sicher, man hätte vielleicht mit den Rechteinhabern eine Lösung finden können und dann hätte die (wahrscheinlich) ursprüngliche Idee auch so stattfinden können….obwohl….nun ja…..
  1. Wenn man besetzt, sollte man darüber nachdenken, wie die Stimmen mit einander harmonieren bzw. sich mischen. Bei manchen Entscheidungen hier denkt man WTF (s. Nr. 3) und bei anderen fragte man sich nur WARUM diese KOMBINATION? (wir machen keine one-(wo)man-show, auch nicht zwei, drei parallel, auch kein Sing-Off, sondern Theater!)
  1. Diana ist keine besonders stabile Person. Dass sie die Zeile „Bin kein Soziopath“ singt, weißt – jedenfalls für mich – darauf hin, dass sie eigentlich einer ist. Sie hat Probleme damit, das Verhalten anderer zu analysieren und entsprechend darauf zu reagieren – das lernen wir schon ganz am Anfang bei ihrem ersten Dialog mit Nathalie und eigentlich das ganze „Wie an jedem Tag“ hindurch. Sie liest ziemlich viel von dem Verhalten anderer als Sex-Anspielungen („Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich“….) und meiner Meinung nach sind diese „Witze“, die daraus entstehen, sehr viel kraftvoller und verstörender, wenn man als Zuschauer das Verhalten des Arztes als vieles, aber keinesfalls als sexuell lesen kann. Weil es dann nicht nur so ist, dass man sich als Zuschauer freut, dass der Sex-Witz jetzt ENDLICH durchs Ziel gelaufen ist, nachdem man ihn schon eine Minute lang hat kommen sehen (that’s what she said, Lisanne!).
  1. Nichts wirklich Neues: Ich MUSS einfach mit Musicals arbeiten, wenn ich mal eine wirklich ausgewachsene Dramaturgin bin. Musical hat die Kraft mich ewig zu beschäftigen. Und auch die Inszenierungen selbiger. Vor allem die. (Mag mich jemand einstellen?….kleiner Scherz….)
  1. Nichts wirklich Neues Teil 2, aber es hat mich dennoch mal wieder richtig erwischt: Ich kann so aufgeregt sein FÜR andere Menschen. Für mich selbst so lala, aber für andere ALL THE WAY. Ich war ein Wrack.

4 comments

  1. Ich habe Next to Normal am Mittwoch im Renaissance-Theater gesehen und stimme dir in den allermeisten Punkten zu! Vor allem, was die Besetzung von Guntbert Warns betrifft.

    Ich war auch überrascht, wie sehr sich die Inszenierung von der Broadway- und Fürth-Version (die sich doch beide recht ähnlich waren) entfernte. Ich bin mir noch nicht ganz so im Klaren darüber, ob ich die Änderungen genial oder fehl am Platz finden soll, dafür muss ich die Aufführung nochmal ein bisschen intensiver Revue passieren lassen und meine Nacharbeit leisten.😀

    Die Textänderungen waren für mich eigentlich das ganz große Plus in Berlin. Ich weiß nicht, von wem die Änderungen ausgingen, also ob das alles Regie-Einfälle waren und inwiefern von Titus Hoffmann abgesegnet, oder ob der Übersetzer von sich aus sein Libretto nochmal überarbeitet hat. Ich fand die Übersetzung in Fürth schon im Großen und Ganzen gut gelungen, aber manche Stellen klangen da für mich noch ein wenig holprig und beim Anhören der deutschen CD sind diese Stellen für mich jedes Mal so ein kleines bisschen cringeworthy.

    Also stellte ich mich in Berlin schon jedes Mal ein paar Sekunden vorher auf eine dieser Stellen ein und siehe da, alles, wirklich alles, was mir zuvor an der Übersetzung missfiel, war plötzlich ausgebessert. Da störte es mich gar nicht, dass manchmal sogar an der Melodie gedreht und Zeilen eingeschoben beziehungsweise gestrichen wurden. Die Worte “Mir fehlt mein Leben” am Ende von “Mir fehl’n die Berge” passen ja zwar von der Silbenzahl her so gar nicht, aber ich hatte immer das Gefühl, dass “Mir fehlt die Welt” es nicht so ganz traf, auch wenn es sich natürlich schön reimte.
    Gleiches auch beim “Lied vom Vergessen”: Dieses “bewusst” als Übersetzung für “again” machte da für mich noch nie wirklich Sinn und im ersten Moment war ich schon ganz schön verwirrt, wie die da schon wieder an dem Score rumgepfuscht hatten, aber obwohl ich mich so ein bisschen “protective” fühle, was N2N betrifft (das Musical ist schon so mein Baby), war ich irgendwie auch froh, dass man das Wort rausgekickt hat.

    Und der Schluss war für mich auch so eine ganz interessante Idee, aber dann nicht knallhart durchgezogen. Ich war mit einer Freundin im Theater, die das Stück gar nicht kannte, und sie sagte, sie hätte es besser gefunden, wenn nach dem Black Ende gewesen wäre. Ich mag “Light” an sich wirklich gerne, aber es nahm irgendwie die Wirkung des “Schlussbildes” und fühlte sich wie eine komische Zugabe an.

    (Oh, and can we talk about the poster? Tut mir Leid, aber wie hässlich ist das denn bitte? So wie die Dramaturgin in dir oft mal Hand anlegen will, geht es mir ständig, wenn ich irreführende und hässliche Poster und Trailer für Theaterproduktionen sehe, haha.😀 )

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