Month: June 2015

10 Dinge, die mir die Berliner Next to Normal-Produktion (über mich) beigebracht hat

There’s also an English version of this article which can be found by clicking here – English!

  1. Wenn man Teile der Übersetzung nicht mag und sie deshalb ändert, sollte man sie wirklich zum Besseren ändern. Es ist total okay, wenn man Dinge nicht mag, auch (und vielleicht sogar vor allem) auf diese Übersetzung bezogen – wie ich ja auch schon mehrfach erwähnt hab. Und Änderungen sind auch super – sofern man immer auch die Einwilligung des Originalautors der (deutschen) Textfassung einholt, falls es sehr einschneidende Änderungen sind oder mehr als eine bestimmte Prozentzahl des Texts geändert wird (Urheberrechtsseminare, juhuu!). Andererseits ist es nicht okay, Dinge einfach nur zu ändern, weil man sie ändern möchte – man muss eine wirklich bessere Idee haben. Wenn man sich unsicher ist, ob die Idee wirklich besser ist, kann man den_die Dramaturg_in fragen.
  1. Man kann demselben Regisseur in einigen Punkten sehr zustimmen und in anderen Punkten so sehr anderer Meinung sein. Okay, das hab ich vorher gewusst – es wäre verstörend, wenn nicht, aber kaum eine (Musical)Produktion in den letzten Jahren hat mir das so deutlich gezeigt. Als ich vor knapp zwei Jahren nach Fürth gefahren bin, um mir damals die erste deutschsprachige Produktion von Next to Normal anzusehen, war ich irgendwie enttäuscht davon, wie Gabe in dieser Inszenierung zu sehen war. Für mich ist Gabe nicht der coole, liebenswerte Traumsohn. Für mich ist er böse. Sehr, sehr böse. Ich meine, wenn Diana ihre Familie verlässt, wendet er sich – als Figur jedenfalls, was das psychologisch für eine Art Traumaübertragung ist, ist eine ganz andere Geschichte – Dan zu. Wenn ich eine Produktion von Next to Normal betreuen müsste….nun gut. Thorsten Fischer, der Regisseur der Berliner Inszenierung, stellt hier Gabe wenigstens irgendwie diabolisch, ambivalent und ja, auch böse, zorning und manchmal geradezu bockig vor – was ich sehr mochte. Viele andere Dinge aber, haben mich sehr geärgert, was mich zum nächsten Punkt bringt….
  1. Kümmere dich um deine (Schau-)Spieler. Wer glaubt an einen seltsamen Zufall, dass fast keine Kritik (keine, die ich gelesen hab, jedenfalls…) über Guntbert Warns schreibt? Die Menschen, die in Berlin über Musical schreiben, scheinen einen stillen Pakt geschlossen zu haben und zu versuchen, negative Stimmen über bestimmte Mitglieder der Besetzung zu vermeiden. Das tue ich auch, es gibt mir verhältnismäßig wenig, zu schreiben: DU BIST SCHLEEEEEEEEEECHT! Allerdings: Es ist schlecht. Als ich neulich erst wieder die Broadway-Aufnahme des Stücks gehört hab, ist mir einmal mehr aufgefallen, was für eine musikalisch schöne und (NATÜRLICH!) bedeutungsvolle Partie Dan ist. Herr Warns bringt es da – leider – einfach nicht. Es wird ziemlich viel gesprochen, parlando oder rezitativisch fällt einem da zuerst ein, wenn man über seinen Gesang nachdenkt, und dann leider nur noch schlechter Gesang, was die Inszenierungen auf verschiedene Arten unterwandert. Ich habe irgendwann angefangen, das Musical Next to Normal in seinem Genre anzuzweifeln (so weit muss es erst einmal kommen!): Warum singt jemand, wenn er offensichtlich sehr viel besser sprechen kann? Wie „unnatürlich“ ist denn Musiktheater bitte? Und zumindest in der Premiere hat er für mich so unsicher und ‚unbehaglich’ (das ist ein doofes Wort, aber im englischen Original des Artikels steht uncomfortable, das ist es) gewirkt, dass ich mich wirklich gefragt habe, warum Diana Dan nicht schon viel früher verlässt. Wie auch immer, ich möchte jetzt hier nicht über Guntbert Warns ablästern oder ihn ‚mobben’. Es ist nämlich nicht seine Schuld, dass er für eine Rolle besetzt wurde, die er (stimmlich) nicht erfüllen kann. Der Regisseur und das Creative Team haben ihn besetzt. Ich glaube wirklich daran, dass man sich als Creative Team nicht nur um die Inszenierung kümmern muss, sondern auch um die (Schau-)Spieler. Und manchmal muss man sie beschützen.
  1. Wenn man ein Musical inszeniert/in den Spielplan nimmt, sag nicht, es sei ein „Schauspiel mit Musik“. Einfach nein. Vor allem nicht mit einem Stück wie Next to Normal. Und das merkt man, wenn man dem Score einmal richtig zuhört: Musik und Handlung und Dianas Geisteszustand sind hier musikalisch so sehr verschmolzen, dass es nicht mehr lustig ist. Und die E-Gitarre bei „Wish I was here“ / „Wär ich nur da“ ist da nur der Anfang….Spiel und Musik sind hier ungefähr so verstrickt wie Text und Musik bei Cole Porter Songs. Deshalb sind die auch so eine Bitch zu übersetzen. Aber das ist eine andere Geschichte.
  1. Ähnlich wie Nr. 4: Nur weil man einen Song nicht mag, heißt das nicht, dass man da durchhuschen muss („Song of Forgetting“ / „Lied vom Vergessen“, von dir rede ich – wann genau denkt Diana da nach und gräbt nach ihren Erinnerungen?)
  1. Angenommen man trifft eine künstlerische Entscheidung. Angenommen man mag das optimistische, ‚helle’ Ende nicht, das durch „Light“ / „Licht“ nahegelegt wird. Wie großartig wäre es dann zu dieser Entscheidung zu stehen? Die Spieler eine seltsame und …. unpassende Pose einnehmen zu lassen (so eine seltsame Pärchen-Pose, in der sie sich mit dem Rücken gegen seine Vorderseite lehnt und sich in seine Arme drapiert, ist doch unangebracht für eine Vater-Tochter-Kombo, oder?), dann Black für bestimmt 5 bis 10 Sekunden, alle klatschen, denken es ist zu Ende (weil: so wurde die Pause auch schon eingeläutet, plötzliches Black), dann geht das Licht wieder an und „Licht“ wird gesungen als eine Art Epilog. Was ist das? Brecht im Sinne von „Haha, wir können uns von uns selbst distanzieren?“, ein Hinweis, dass das alles „nur Theater“ ist? Das Ende vor dem Black war stark und berührend und verstörend und fast schon ein fieser Tritt in die Magengegend und dann – BOOM – haha, nur Spaß oder was? Ich bin mir verhältnismäßig sicher, man hätte vielleicht mit den Rechteinhabern eine Lösung finden können und dann hätte die (wahrscheinlich) ursprüngliche Idee auch so stattfinden können….obwohl….nun ja…..
  1. Wenn man besetzt, sollte man darüber nachdenken, wie die Stimmen mit einander harmonieren bzw. sich mischen. Bei manchen Entscheidungen hier denkt man WTF (s. Nr. 3) und bei anderen fragte man sich nur WARUM diese KOMBINATION? (wir machen keine one-(wo)man-show, auch nicht zwei, drei parallel, auch kein Sing-Off, sondern Theater!)
  1. Diana ist keine besonders stabile Person. Dass sie die Zeile „Bin kein Soziopath“ singt, weißt – jedenfalls für mich – darauf hin, dass sie eigentlich einer ist. Sie hat Probleme damit, das Verhalten anderer zu analysieren und entsprechend darauf zu reagieren – das lernen wir schon ganz am Anfang bei ihrem ersten Dialog mit Nathalie und eigentlich das ganze „Wie an jedem Tag“ hindurch. Sie liest ziemlich viel von dem Verhalten anderer als Sex-Anspielungen („Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich“….) und meiner Meinung nach sind diese „Witze“, die daraus entstehen, sehr viel kraftvoller und verstörender, wenn man als Zuschauer das Verhalten des Arztes als vieles, aber keinesfalls als sexuell lesen kann. Weil es dann nicht nur so ist, dass man sich als Zuschauer freut, dass der Sex-Witz jetzt ENDLICH durchs Ziel gelaufen ist, nachdem man ihn schon eine Minute lang hat kommen sehen (that’s what she said, Lisanne!).
  1. Nichts wirklich Neues: Ich MUSS einfach mit Musicals arbeiten, wenn ich mal eine wirklich ausgewachsene Dramaturgin bin. Musical hat die Kraft mich ewig zu beschäftigen. Und auch die Inszenierungen selbiger. Vor allem die. (Mag mich jemand einstellen?….kleiner Scherz….)
  1. Nichts wirklich Neues Teil 2, aber es hat mich dennoch mal wieder richtig erwischt: Ich kann so aufgeregt sein FÜR andere Menschen. Für mich selbst so lala, aber für andere ALL THE WAY. Ich war ein Wrack.

10 Things I learned (about me) while seeing the Berlin production of Next to Normal

There’s a German version of this article avaliable which you can find by clicking here – German!

  1. If you don’t like certain parts of a translation and you change these parts make sure you really change them for the better. Not liking things is totally fine, especially with this translation as I pointed out on more than one occasion. Changing things is totally fine, too, as long as you are checking back with the original translator (at least in case these changes are very crucial and/or cover more than a certain percentage of the text). On the other hand – what isn’t fine is changing things for the sake of changing it. If you cannot come up with a better idea then stick to what the translator gave you. When in doubt: Ask the dramaturg for opinion.
  1. You can totally agree with a director in some things and totally disagree on others. Okay, that one I knew before – I’m gonna be a dramaturg eventually. But I think few productions over the past years have made this as clear to me as this one. When I went South to see the first German production of Next to Normal almost two years ago now I remember being a little bit frustrated with the way this production introduced Gabe as the cool, lovely and just overall nice son. To me he isn’t. He is evil. Really, really evil. I mean: When Diana leaves Dan and Nathalie he turns to them instead. If I had to work on a production myself, there would be…..anyway. Thorsten Fischer, the director of the Berlin production, made Gabe at least kind of evil for the most parts – which I was a big fan of. For so many other things though I couldn’t agree less. Which brings me to…
  1. You have to take care of your actors. Do you think it’s a weird coincidence that Guntbert Warns who plays Dan isn’t talked about in pretty much ALL the reviews (at least the ones I read)? Berlin reviewers and German musical blogs seem to hesitate to say something negative. However I do, too. But: It’s bad. Listening to the Broadway recording especially shows how beautiful and meaningful Dan’s part is music-wise. Mr. Warns really isn’t cutting it. There’s a lot of speaking and things that loosely resemble parlando or recitative forms and then bad singing. Which undermines this production in so many ways. I was constantly reminded how weird and not “natural” musical theatre is as a genre itself: Why does someone sing when he is obviously SO MUCH BETTER at speaking? Also: My thoughts are with those who have to harmonize with him every night (especially Gabe and Henry, my thoughts are with you, boys!) At least on opening night he also looked so uncomfortable and all I kept thinking was: Why doesn’t Diana walk out on him WAY earlier? However I don’t want to “bully” Mr. Warns. It isn’t his fault he was cast. The director and the creative team cast him. And I really think as members of a creative team you not only have to take care of the production, but also of the actors involved. And sometimes you have to protect them.
  1. If you are producing/directing a musical don’t treat it as a “play with music”. Just don’t. Especially a piece like Next to Normal. Have you listened to the score? You then might have noticed that the music is so tightly knit together with the words and the plot and Diana’s mental state it’s not funny anymore.
  1. On a similar note as 4 is: Just because I don’t like a song it’s not okay to rush through it (“Song of Forgetting” / “Lied vom Vergessen”, I’m talking about you!)
  1. Let’s say you make a creative decision. Let’s say you don’t like the optimistic ending “Light” / “Licht” suggests. How wonderful would it be to just stick to this decision? Making your actors do a weird and inappropriate pose in the end (what is this couple-y she leans backwards into his front-pose between Dan and Nathalie anyway?), then black the scene out, have a solid 5 to 10 second black, everyone is clapping and then having the lights go on again and “Light” starts as some kind of epilogue. How weird is that? We’ve just witnessed a very tense and thrilling ‘ending’ and then – BOOM – just kidding or what? I’m pretty sure you could have just asked those who represent the writers/”own” the rights and then you might had been able to stick to your initial idea.
  1. If you cast people think about how voices sound with each other. With some casting decisions in this production you just are like WTF (see No. 3) and with others you are like WHY?
  1. Diana is not a very stable person. Her singing “I’m no sociopath” hints – at least to me – to her actually being one. She has troubles reading and reacting to people’s behavior (the very first dialogue between Nathalie and her, basically the whole “Just another day”). And she makes a lot of sex jokes (“My Psychopharmacologist and I”….) in my opinion these ‘jokes’ are a lot more powerful and disturbing when you don’t see Dr. Fine act as if he could mean it in a sexy way. Because then it’s not just everyone cheering for the sex-joke to FINALLY cross the finish line after you’ve seen it coming for about a minute.
  1. I REALLY want to work on musicals when I’m a really grown up dramaturg. It totally has the power to have me worked up for days. It really has. (Anyone wanna hire me? – joking….)
  1. Nothing new but this hit me with all its power: I can be so excited and nervous for other people. I really can. I was a nervous wreck.