Kann es denn so schwer sein? / Is it too hard?

(english article down below)

Ich gehöre zu den digital natives, von denen man so spricht, und ich liebe meinen Twitter-Account (obwohl der Twitter-Account, den ich für einen meiner Arbeitgeber pflege, mehr Pflege gebrauchten könnte…).

Die Kritik-Plattform livekritik.de hat zum Thema digital natives und Theater eine Blog-Parade gestartet, bei der es um Meinungen zum Live-Twittern von Theatervorstellungen geht. Für mich sowohl als Theater- als auch als Online-Mensch interessant und vielleicht sind meine Gedanken auch interessant für andere.

Zuerst lässt sich feststellen: Seit ich ein iPad besitze (August 2012) und seit ich endlich auf ein Smartphone umgestellt habe (Januar 2013) hat sich mein Twitter-Verhalten ziemlich verändert. Es ist praktisch und angenehm von überall twittern zu können – und von überall Tweets lesen zu können. Zumal es schon eine Art Twitter-Poetik gibt, irgendwie.

Letztes Jahr las ich zum ersten Mal über spezielle Twitter-Events oder Tweet-Seats in Broadway-Shows und zugegebenermaßen war ich etwas neidisch: Ich mag Theater und ich rede gern drüber. Über das zu reden (= zu twittern) was man sieht in der Sekunde, in der man es sieht, ist eine Art Paradieszustand – da sprechen aber nur selten eine Option ist, muss es ein Traum bleiben und man muss sich an sein Gedanken bis zur Pause erinnern (um dann darüber zu reden, wie das Hemd des Tenor halb offen ist oder Sophie Rois es irgendwie schafft, einen Mann zu spielen, ohne keine Frau zu spielen – was auch für einen Tweet zu komplex wäre). Twitter würde hierbei eine sofortige Befriedigung schaffen.

Aber: Ich habe 76 Follower auf Twitter – und wie viele von denen würden wohl meine Freak-Tweets zu Theateraufführungen interessieren?

Aber Nr. 2: Letzte Woche begleitete ich eine befreundete Journalistin zur Premiere von Frank Castorfs Adaption von Tschechovs „Das Duell“. Wir saßen mit (anscheinend) einigen anderen Journalisten mittig in Reihe 9. Vor mir, in der 8. Reihe, saß eine Frau, die während des Abends mehrmals ihr Telefon rausholte und auf das Display starrte (und es war kein gedimmtes iPhone-Display, sondern eher als würde man in die Sonne gucken), und jedes Mal wurden die Menschen um sie herum geblendet. Okay, vielleicht war das ein Arbeitstermin für sie (sie hat nicht getwittert, das hätte ich erkannt) und ich weiche bei Arbeitsterminen auch auf mein Telefon aus, aber….nein. Ich meine: Respekt. Dort auf der Bühne stehen Menschen, die sich den Arsch abspielen (Entschuldigung, aber für so einen Castorf-Abend ist das irgendwie die richtige Wortwahl). Es ist Live-Theater und es ist dunkel im Zuschauerraum! Dunkelheit heißt: Andere Menschen sehen das Licht des Telefon-Displays.

Aus theaterwissenschaftlicher Sicht ist es auf der einen Seite sicherlich spannend (Aufmerksamkeitsstrukturen. Theater und digitale Medien. Intermedialität. Einen Theaterabend durch ein Medium, das anders ist als Fernsehen, erleben. Archivierung….), aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Was verpasst man während des Twitterns? Manchmal passieren die Dinge auf der Bühne in einer Geschwindigkeit, dass man selbst bei voller Konzentration etwas verpassen muss. Und dann noch mehr verpassen für’s Twittern? Nein. Ich möchte sehen, was ich sehe – und das beste sieht man meistens nur, wenn man richtig hinguckt und aufmerksam ist. Aufmerksam-aufmerksam.

Einige der Blogger äußern sich positiv über (hypothetische) Twitter-Proben ähnlich der Proben, zu der Pressevertreter vorab eingeladen werden, oder Fotoproben (die, soweit ich informiert bin, für Berliner Theater Pflicht sind). Diese Proben könnten dem Theater noch eine andere Öffentlichkeit geben – neben den langen Vorberichten und Kritiken: kurze, vielleicht sogar minutiöse Dokumentationen, Kommentare und Gedanken zu dem Gesehenen. Es wäre eine andere Situation, vor allem, wenn diese Proben eventuell nur bei Arbeitslicht – oder sogar auf der Probebühne statt finden würden; die Hemmschwelle, das Telefon zu zücken um zu twittern, wäre wohl um einiges geringer.

Ansonsten muss man seinen Theaterbesuch eben davor, in der Pause und danach in seinem Twitter-Feed abdecken. Und wir sollten uns doch unsere Gedanken bis zur Pause oder bis zum Ende der Vorstellung behalten könne, oder? Das sollten wir. (wobei der Modus des Twitterns dann auch ein ganz anderer ist.)

So schwer kann das doch nicht sein.

übrigens gibt es im Mai in Berlin zu diesem Themengebiet eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung und weiter unten gibt es noch Kostproben meiner Theatertweets.

********

I am a digital native. And I love my Twitter-account. (although the account I take care of the small private theatre company I work for could use some more care….)

The German critic website livekritik.de started a blog parade asking for opionions about tweeting during performances. And I guess for me being both a theatre- and an online-person it will be nice to blog my thoughts.

First of all I have to state: Since I’ve bought myself an iPad (August 2012) and even more since I’ve finally upgraded to a smartphone (January 2013) my use of twitter has changed dramatically. It’s nice and handy to be able to tweet from where ever I am. And most of the time I really enjoy the ‚poetics’ of tweets.

Last year when I first heard about special theatre tweeting events on Broadway I was a little jealous – I enjoy theatre and I enjoy talking about it. ‚Talking’ (=tweeting) about it in the second you see it is something you often want to do but since talking about it (e.g. with the one sitting next to you) is often not an option – it stays a nice imagination and you have to remember your thought until intermission (and then you can gossip about the tenor’s half open shirt – because it’s so tenor-like! Or the great job Sophie Rois does playing men and women kind of at the same time!). Tweeting would offer instant satisfaction.

On the other hand: My twitter account has 76 followers – who cares about that freak stuff I’d tweet if I could during performances?

But: last week when I saw the opening of Frank Castorf’s adaption of Chekhov’s „The duel“ and watched from row 9 there was a lady in front of me constantly checking her phone – and it was not an iPhone-screen turned as dark as possible. Everytime she got it out of her purse she just blended everyone behind her. Okay – since I was accompaning a journalist and we were sitting with a bunch of other journalists it was a work appointment for most of them and yes – I sometimes check my phone during work related appointments as well – but….no. I mean: Respect, people. There are people on stage playing their asses off (I’m sorry). It’s live theatre and it’s dark! Darkness means: You actually can see the brightness of phone-displays.

As a theatre studies major and someone who worked a lot in and with theatre and additionally can say: What will you do about all this stuff you’re missing while tweeting? In some productions things happend at a speed it’s not even funny, you gonna miss something anyway – but missing even more just for tweeting? No. I want to see what I see. And sometimes you get the best stuff only when watching closely and paying attention. Like attention-attention.

Most of the bloggers participating in that blog-parade think positively about a (hypothetical) tweeting-rehearsal or twitter-call similar to press-calls or photo-calls (which are – as far as I know – mendatory for theatres in Berlin). Those calls could easily give some more publicity to those productions. And it’s a different setting – especially if they would take place on the rehearsal stages with working light you wouldn’t be stopped taking out your phone out and tweeting.

Otherwise you have to cover your theatre visits before, during intermission and after the performance.

We should be able to remember our thought till then, right? We should. That couldn’t be too hard, could it?

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Meine Tweets zur Aufführung von “Das Geheimnis des Edwin Drood” am Theater Münster./My tweet regarding a performance of “The mystery of Edwin Drood” in Münster, Germany.

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Tweets zur Eröffnung einer Video-Installation im Jüdischen Museum, Berlin. / Tweets regarding the opening of a video installation at the Jewish Museum in Berlin.

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Tweets zur Aufführung von Mazeppa in der Komischen Oper Berlin. / Tweets regarding a performance of Mazeppa at Komische Oper Berlin.

6 comments

  1. Das sind genau die Aspekte, die auch mir zu diesem Thema in den Sinn kamen und die ich (mangels Blog) bei Facebook kund tat:

    Als Zuschauer würde es mich erheblich stören, wenn ich vor oder neben mir auf leuchtende Displays schauen müsste anstatt meine Aufmerksamkeit dem Geschehen auf der Bühne widmen zu können.

    Und so gerne ich auch selbst Gebrauch von Facebook und Twitter mache, ist es nach meinem Verständnis auch Teil von Medienkompetenz, in bestimmten Situationen auf die Nutzung eben dieser Medien verzichten zu können.

    Bevor ich eine Meinung formulieren und diese mit der Welt teilen kann, muss diese erst mal entstehen. Das kann nicht der Fall sein, bevor ich nicht das ganze Stück erlebt habe. Wenn mich eine Aufführung wirklich innerlich berührt und aufwühlt – ein wunderschönes Gefühl – kann es gut sein, dass ich erst mal eine Nacht brauche, um diese Eindrücke zu verarbeiten. Wäre es nicht kurzsichtig, mir und meinen Lesern diese Erfahrung vorzuenthalten, indem ich sie mit ungereiften Früchten füttere?

  2. …frage mich gerade, liebe lisanne, was ich in der aufführung neben dir alles verpasst habe, da ich das leuchtende Display übersehen habe! es gibt zwei sich leider widersprechende theorien dazu. entweder ich war voll auf das bühnengeschehen focussiert, von dem ich also hoffentlich sehr viel mitbekommen habe, oder ich bekomme ganz allgemein einfach nicht so viel mit…hoffnungsvoll neige ich mich der ersten theorie zu und weiß zugleich, dass es insgesamt einfach zu viele gleichzeitigkeiten gibt in der modernen welt, im theater und überhaupt…heute abend gibt’s tatort. viele, so hörte ich, twittern gerne während des sehens darüber mit anderen, wer der mörder ist…immerhin sitzt man dann wahrscheinlich allein zuhause auf dem sofa und stört andere nicht mit leuchtendem display. aber vorsicht: nicht den moment verpassen, in dem der mörder entlarvt wird. übrigens: weiß jemand, wie der berliner tatort ausgeht, der am samstag abend auf rbb wiederholt wurde? es ging um einen entführer, gespielt von edgar selge, der sich zwar von der polizei freiwillig hat fangen lassen, aber tortzdem noch 10 millionen Lösegeld gefordert hat und vorher den ort, an dem das entführte kind versteckt war, nicht preisgeben wollte, und riskierte, dass der junge verdurstete, gemein oder? war echt spannend. leider habe ich die auflösung nicht mitbekommen, weil ich 10 minuten vor schluss leicht eingenickt bin (es war schon halb 12)…blöd! wer kann helfen? ist der junge gerettet worden? hat die polizei das versteck rechtzeitig gefunden, oder ist der entführer weich geworden? bin für jeden hinweis dankbar und freue mich auf den tatort heute abend…

    1. Tja, sie saß eher so schräg vor mir zwei Plätze weiter zur Mitte hin. Die war doof und ich glaube, ich musste meine Gedanken mal schweifen lassen🙂.
      Beim Tatort kann ich leider nicht helfen aber die Frage ist: Hatte Edgar Selge zwei Arme?😉

      1. lieber theaterkind, ich glaube, da haste was verwechselt. also selge hatte zwei arme, was ihn als entführer natürlich noch bedrohlicher machte. schade, irgendwie muss ich jetzt rauskriegen, wie das ausgegangen ist. und sonntag abend konnte ich auch wieder nur eingeschränkt gucken, kein wunder, das ich immer nix verstehe.

      2. Ich bin immer nur so verstört, wenn er plötzlich zwei Arme hat, weil ich ihn ganz lange nur als den einarmigen Polizeitruf-Kommissar kannte. Als die Baltus-Produktion ihr Bergfest in einem österreichischen Restaurant gefeiert hat, saß er mehr oder weniger am Nachbartisch und er hatte zwei Arme. Ganz schön krass. Ich war (beinahe) schockiert.🙂

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